Tanzpresse

Am Kontrast entlanggesurft

Tanz im August: Serge Aimé Coulibaly, Zora Snake und Lea Moro bestreiten Festivalauftakt

Szene aus „Kalakuta Republik“, Foto: Doune Photo

(  13.08.17 )

Getanzte Annäherung an den Afrobeat-Begründer und Politrebellen Fela Kuti, ein Voodoo-Parcours auf Straßenpflaster und schließlich noch ein Ausflug in eine ironiegespülte Zone des Spaßes: Beim Auftakt von Tanz im August konnte man sich in ganz unterschiedliche Richtungen tragen lassen. Zuerst lud der burkinische Choreograf Serge Aimé Coulibaly in die „Kalakuta Republik“. Im Original ein Ort, an dem Utopien und Legendenbildung ineinanderflossen. Fela Kuti hatte während der Militärdiktatur in Nigeria in den 1970er Jahren sein Grundstück in Lagos zur autonomen Kommune erklärt. Sieben Jahre bestand sie, bis das Regime sie niederbrannte. Was Coulibaly aus der schillernden Vita des unbequemen Musikers für die Bühne destilliert hat, möchte mehr sein als nur Hommage. „Without a story we would go mad“, unter diesem eingeblendeten Spruch geben sich die vier Tänzer und drei Tänzerinnen eingangs dem funkigen Flow der fast dreißigminütigen Afrobeatnummer „Army Arrangement“ hin. Fela Kuti war nicht nur panafrikanische Identifikationsfigur, sondern eben auch Macho und unberechenbarer Lebemann. Coulibaly, der selbst in die Rolle schlüpft, füllt diese Projektionsfläche mal mit sattem Charisma, mal mit irrlichterndem Driften durchs Geschehen. Der zweite Teil beginnt in blaunebliger Nachtklub-Atmo, doch bald liegt Katerstimmung über der Szenerie. „Dekadenz kann Selbstzweck sein“, während dieses Motto von der Rückwand grüßt, scheint der politische Gestus in Privatwahn und Hedonismus zu verdampfen. Männer brüllen Allmachtsphantasien, Stühle fliegen, der Freiheitskampf hat plötzlich einen schalen Beigeschmack. Serge Aimé Coulibaly schiebt mit seiner Choreografie ein paar sehr zeitgemäße Fragen in den Raum: Welche Verantwortung haben Künstler in politischen Umbruchprozessen? Bis wohin reicht das Engagement?

Auf dem afrikanischen Kontinent bleiben wir auch mit Zora Snake. Der Performer aus Kamerun hat sein Happening „Au-delà de l´humain“ auf das Berliner Pflaster verlegt. Mit Aktionen irgendwo zwischen künstlerischer Selbsterweckung und Voodoo-Ritual führt er die Publikumstraube vom Hau 1 ins Hau 2. Für Reflektionen über den postkolonialen Körper, wie der Begleittext nahelegt, fehlt im Festivaleröffnungs-Outdoor-Trubel dann jedoch ein wenig die Muße. Im Hau 2 wartete auch schon Lea Moro mit ihren Mitstreiter*innen, um „FUN!“ zu verbreiten. Die Schweizerin mit HZT-Abschluss wird beharrlich in die Kategorie hoffnungsvolle Choreografie-Newcomerin einsortiert, der Blick auf ihr Stücke-Portfolio zeigt aber, dass sie bereits eine recht markante Handschrift für sich gefunden hat. Ein Thema sezieren und dekonstruieren und in - gern ironischen - Mehrfachbrechungen auf die Bühne zurückwerfen, das hat sie zuletzt bravourös mit dem Genre Musical im Solo „The End of the Alphabet“ vorgeführt. In „FUN!“ tasten sie nun zu fünft die Mechanismen der Vergnügungsindustrie ab. Herstellbarkeit von Spaß, wie funktioniert das? Dazu schlüpft der Trupp in übergroße Schaumstoff- und Pappgebilde zum grotesken Aufmarsch von Gaga-Figuren, vollführt halbseidene Zaubertricks, schmettert ein Geburtstagslied für einen Zuschauer und lässt noch einige andere Blüten des Wort- und Körperhumors sprießen, ohne es dabei vordergründig auf ein schenkelklopfendes Publikum abgesehen zu haben. Dass nicht jede Pointe im tänzerischen Miteinander gleich gut zündet, mag mit der Wechselwirkung aus Erwartungshaltung - FUN! lautet schließlich das Versprechen - und dem leichtfüßig zwar, aber doch gewollten Recherche-Impetus des Stückes zu tun haben.

Der Kuratorin Virve Sutinen kommt es nach eigener Aussage auf Vielfalt und eine unhierarchische Herangehensweise an. Zur Eröffnung hat sie nicht auf große Starnamen gesetzt, sondern den Abend mit Abstechern in ganz unterschiedliche Ästhetiken gerahmt. Ein sympathischer Einstieg in die 29. Ausgabe von Tanz im August. /// Annett Jaensch

 

11.8. bis 2.9.2017, weitere Infos www.tanzimaugust.de

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