Tanzpresse

Bildergewitter aus Fernost

Tanz im August: TAO Dance Theatre mit „6 & 7“, Geumhyung Jeong mit „7ways“ und Company SIGA mit „Equilibrium“

TAO Dance Theatre: Szene aus ”7“; Foto: Duan Ni

(  29.08.15 )

Das Spannende an einem Festival ist doch immer wieder, in der Fülle des Programms unvermutete Schnittstellen zu entdecken. Die Lektionen in minimalistischer Akkuratesse, die Lucinda Childs mit ihrem Eröffnungsstück „Available Light“ im Haus der Berliner Festspiele gegeben hatte, hallten zwei Wochen später auf der gleichen Bühne in ganz anderer Form weiter. Das chinesische TAO Dance Theatre präsentierte zwei Dreißigminüter mit dem schlichten Titel „6 & 7“ und setzte seine Variante von Reduktion und Wiederholung effektvoll in Szene. Dunkel, hell, martialisch, meditativ: Der junge Choreograf Tao Ye scheint ein Faible für Dualismen dieser Art zu haben, denn beide Stücke verschränken sich in Ergänzung zueinander.

Im ersten Teil schneidet das matte Bühnenlicht in eine archaisch anmutende Welt, die sechs Tänzer in schwarzen Gewändern sind anfangs nur als pulsierende Schemen auszumachen. Ein Schwingen und Biegen der Torsos in verschiedene Achsen, kantige Kehren und rhythmisches Werfen der Köpfe, dieses Bewegungsmaterial wogt ununterbrochen durch die Gruppe. Dazu mischt die Musik von Xiao He eine dunkel-treibende Klangkulisse bei. 7, der nächste Teil, katapultiert wiederum in eine ganz andere Stimmung: Ausgeführt von sieben Tänzern in weißen Schlauchkleidern erinnert das synchrone Agieren nun mehr an ein spirituelles Ritual, nur akustisch untermalt von leisem Brummen oder Summen, das zum Teil von den Tänzern selbst kommt. Die perfekt exekutierte Synchronität, das Einschmelzen des Individuums in die Gruppe, das alles mag auch – zumindest aus westlicher Sicht - die Frage nach chinatypischen Klischees aufwerfen. Den Choreografen Tao Ye treibt diese Überlegung vermutlich weniger um. Er selbst hantiert ungern mit den Kategorien östlich und westlich, wie er in Interviews angibt, auch ein Indiz dafür, dass die junge Künstlergeneration in China im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene Wege sucht.

Ganz andere Bilderwelten breiteten dann noch zwei südkoreanische Produktionen im HAU 3 aus. So war skurriles Objekttheater von und mit Geumhyung Jeong zu erleben. In „7ways“ begibt sich die Choreografin als alleinige menschliche Komponente in ein Zwiegespräch mit einem ganzen Arsenal lebloser Gerätschaften. Mal schlüpft sie in unifarbene Overalls, verschwindet vollkommen als Person und gebiert mit Masken und anderen Utensilien bizarre Zwitterwesen, dann wieder ist sie präsenter als humane Größe und lässt sich etwa von einem Staubsauger körperlich erkunden. Wer ist Akteur, wer ist passiv? Diese eigentlich klare Trennung unterläuft Geumhyung Jeong permanent, in nüchternen wie poetischen Bildern. Während „7ways“ als versponnener Dialog an der Mensch-Maschine-Trennlinie daherkommt, ist „Equilibrium“ der Company SIGA ein handfestes, physisches Ringen um das titelgebende Gleichgewicht. Lee Jaeyoung, 2009 von der Contemporary Dance Association of Korea zum besten Nachwuchschoreografen gewählt, ließ sich für das Duett unter anderem von Jeremy Rifkins Buch zur Entropie inspirieren. Zusammen mit Seo Ilyoung betreibt er seine Form von Chaosforschung als geschmeidiges Duell zweier Kontrahenten, die gleichzeitig auch Komplizen sind. Der asiatische Strang im diesjährigen Programm von Tanz im August bot in jedem Fall eins: interessante Einblicke in eine hierzulande weniger bekannte Szene./// Annett Jaensch

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