Tanzpresse

Blick in den Rückspiegel

Tanz im August: Lucinda Childs mit „Available Light“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Craig T. Mathew

(  16.08.15 )

Ein Festivalauftakt ist immer auch ein Statement. Virve Sutinen, seit 2014 künstlerische Leiterin von Tanz im August, packt mit „Available Light“ von Lucinda Childs gleich zwei Stränge an den Anfang: die Würdigung der postmodernen Avantgarde und die Liaison des Tanzes mit der Bildenden Kunst. „Available Light“ stammt aus dem Jahr 1983 und wie bei allen Revivals stellt sich die Frage, wie gut das Werk den Sprung ins Heute schafft. Um die Antwort vorwegzunehmen: Am Ende der Vorstellung lässt einen der Eindruck nicht los, eine Zeitkapsel sei im Haus der Berliner Festspiele gelandet und wieder davongeschwebt.

Für die Uraufführung im Jahr 1983 – eine Auftragsarbeit des Museum of Contemporary Art in Los Angeles – hatte sich Childs mit dem Architekten Frank O. Gehry und dem Komponisten John Adams zusammengetan. Die rekonstruierte Fassung lässt die damalige Kollaboration wiederauferstehen, kleine Justierungen inbegriffen. Das zweistöckige Bühnenbild zitiert damals wie heute Industriearchitektur, neu sind an Käfige erinnernde Metallelemente im unteren Bereich. Die harlekinartigen Originalkostüme sind auf der Strecke geblieben, heute stecken die elf TänzerInnen in deutlich stoffärmeren Trikots in den Farben Rot, Schwarz und Weiß. In „Available Light“ wird das zelebriert, was Lucinda Childs den Ruf einbrachte, eine Meisterin des Minimal Dance zu sein: Einfache Bewegungsmuster, fortwährend wiederholt und variiert, fließen zur Musik von John Adams zu einem hochkomplexen Tanzgebilde zusammen. In den Drehungen, leicht hingetupften Sprüngen und Arabesken ist der Atem des Balletts zwar noch spürbar, aber auch das, was die postmoderne Bewegung rund um das Judson Dance Theater propagierte: das Einfließenlassen von Alltagsbewegungen bis hin zum simplen Laufen.

Im damaligen Kontext der Erstaufführung mag das Gesamtarrangement revolutionär gewesen sein, der Raumeindruck in einer Ausstellungshalle, das Lichtkonzept, das tatsächlich nur mit dem verfügbaren Tageslicht arbeitete und die radikale Geste, Tanz im Museum zu zeigen. Heute kommt „Available Light“ als akkurat geschliffene Bühnenarbeit daher, deren Purismus der Formen ganz ohne Frage in den Bann schlägt, aber auch ätherisch enthoben scheint. Weitaus weniger hermetisch in sich geschlossen wirkte „Dance“ - ein anderes Remake von Lucinda Childs, das im Jahr 2011 ebenfalls bei Tanz im August zu sehen war. Flirrend vital durchschnitten die TänzerInnen unzählige Male den Bühnenraum, während über ihnen in einer Projektion die Originaltänzer das Geschehen visuell verdoppelten. Das beweist auch eins: Auseinandersetzungen mit dem Tanzerbe sind in ihrer Wirkung schwer vorhersehbar und halten immer wieder Überraschungen parat, je nachdem wie der historische Wind uns anweht. /// Annett Jaensch

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