Tanzpresse

Das Flirren der Körper

Das Nederlands Dans Theater zeigt vier Choreografien im Haus der Berliner Festspiele

Szene aus „Woke up blind“ von Marco Goecke, Foto: Rahi Rezvani

(  08.12.17 )

Wenn man im Tanz Aggregatzustände hätte, dann wäre „Woke up Blind“ ein Gasgemisch. Die Tänzer: flüchtige Moleküle. Die Atmosphäre: explosiv. Wie kaum ein anderer imprägniert der Choreograf Marco Goecke seine Stücke mit einer fiebrigen Energie. Für den Fünfzehnminüter „Woke up Blind“ ließ sich Goecke, der seit 2014 Associate Choreographer am NDT ist, von der Musik des jung und tragisch verstorbenen Rockmusikers Jeff Buckley inspirieren. In „You and I“ und „The way young lovers do“ geht es natürlich um Liebe, das zigfach beackerte Feld, doch wie Buckleys Stimme und der Gitarrensound sich gegenseitig vorantreiben, hat etwas Betörendes und Traurigmachendes zugleich. In diesen emotionalen Raum hinein stoßen die Tänzer, treiben in Duetten aufeinander zu oder schreiben Soli in den Raum, oft in stupendem Tempo ausgeführt. Doch die Begegnungen und die Nähe haben nichts Fließendes, kennen keine Umarmungen. Angespannt bis in die letzte Faser erzählt das Miteinander vor allem von Vergeblichkeit. Mit den gleichsam Verhärtungen des Lebens ausstellenden Leibern wirken die Tänzer, als seien hier mehr abstrakte als konkrete Körper am Werk. Goecke hat - und das ist die hohe Kunst seines hypersensitiven Stils - hier fünfzehn außergewöhnlich aufregende Tanzminuten hingeschüttelt, von nichts weiter angestrahlt als ein paar einfachen Bühnenlichtern. Was nach dem Opener von Goecke folgte, war vor allem ein Beweis, wie facettenreich das Spektrum des renommierten NDT ist. In Crystal Pites „The Statement“ breitet sich an einem langen Konferenztisch ein getanzter Wirtschaftskrimi um Macht und schuldhafte Verstrickungen aus, der in Sachen Dramaturgie und Licht schon fast mit filmischen Stilmitteln arbeitet. „The missing door“ von Gabriela Carrizo wiederum katapultiert uns in das latent unheimliche Setting eines Hotels, in dem die Insassen in einem Zwischenbereich zwischen Leben und Tod zu navigieren scheinen. Die surreal getränkten Bilder erinnern stark an die Arbeiten von Peeping Tom. Kein Wunder, Carrizo gehört schließlich zu den Mitbegründern der belgischen Kompanie. Schließlich schicken dann noch Sol León und Paul Lightfoot ihre Tänzer zu Bachklängen in die wohl austarierte Stimmungslandschaft „Safe as Houses“, die den Tanzabend rundet. À la bonne heure. /// Annett Jaensch

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