Tanzpresse

Das Gestern im Jetzt

Riki von Falken mit „Laundries in Hanoi“ in den Uferstudios

Foto: Dieter Hartwig

( AJ 18.09.16 )

Mal verwischt der tanzende Körper im Halbdunkel zur Silhouette, dann wieder füllt er eine scharf definierte Lichtinsel mit Bewegung. Riki von Falken durchmisst den Raum immer wieder entlang der gleichen Achsen. Als wolle sie einer Sache habhaft werden, die verschüttet ist. Über und hinter ihr fünf Video-Leinwände. Reisfelder, quirliges Treiben auf einem Nachtmarkt, der träge dahinfließende Rote Fluss: Das Kameraauge öffnet für uns ein Fenster nach Vietnam. Assoziativ gleitet diese Tanz-Film-Collage von Bild zu Bild, ohne den Fokus allzu festzuzurren. Das Gedankensplitterhafte kommt nicht von ungefähr. Ein Stück über Kindheitserinnerungen habe sie machen wollen, erzählt Riki von Falken in einer Probenpause zwei Wochen vor der Premiere. Den Bogen dabei ins ferne Vietnam zu spannen, sei auch mit ihrer eigenen Biografie verknüpft. „Der Vietnamkrieg ist ein Bild aus meiner Kindheit“, erinnert sich die 1954 geborene Choreografin an die Fernsehbilder, die Ende der 1960er Jahre regelmäßig den asiatischen Konfliktherd ins heimische Wohnzimmer brachten. Wie schreiben sich derlei Erinnerungen ein? Was passiert, wenn man für das eigene Erlebte ein Echo in den Lebenssphären anderer Menschen sucht?

Für ihr Projekt hat Riki von Falken eine kongeniale Partnerin auf vietnamesischer Seite gefunden: Nguyen Trinh Thi, 1973 in Hanoi geboren, Videokünstlerin mit Vorliebe für Soziohistorisches. Dank der Vermittlung des Goethe-Instituts Hanoi kam die Zusammenarbeit Ende 2015 in Schwung. Riki von Falken fühlte sich sofort vom künstlerischen Stil der Dokumentarfilmerin angesprochen und bat sie darum, den visuellen Teil von „Laundries in Hanoi“ mitzugestalten. Doch auch die Berlinerin selbst hat während einer dreiwöchigen Recherchereise im vergangenen Herbst vor Ort gedreht und Interviews geführt. Was weht herüber an Bildern, Klängen, Gerüchen aus Kindheitstagen? Für Riki von Falken sind Wäschereien - die Eltern betrieben eine im sauerländischen Hohenlimburg - solche Orte, an denen sich Erinnerung verdichtet. Und tatsächlich. Nach längerer Suche tat sich ein vietnamesisches Pendant auf. „Ich habe in Hanoi etwas aus meiner Kindheit gefunden“, freut sich die Choreografin. Filmisch schmilzt dieses Erlebnis zu einer Momentaufnahme zusammen, wenn Wäschetrommeln für ein paar Umdrehungen von den Leinwänden grüßen. Auch das Gegenblenden mit anderen Biografien hat Riki von Falken ganz bewusst gesucht. Am Anfang und am Ende zoomen eingespielte Interview-Ausschnitte mit der gleichaltrigen Vietnamesin Ngô Thi Men die Vergangenheit heran. Wie der Krieg ihren Schulalltag als Kind in Hanoi beherrschte, wie sie später nach Deutschland zum Studium aufbrach, diese erzählten Lebensschnipsel geben dem Erinnerungsmodus Tiefe, Riki von Falken derweil am Boden sitzt und lauscht.

Seit 1981 ist sie als Tänzerin, Tanzlehrerin und Choreografin in Berlin aktiv. In den oft solistischen Arbeiten hat sie auch schwierige Themen wie Krankheit, Verlassenheit oder Älterwerden aus der reinen Privatheit herausgeführt und in größere Abstraktionsräume gelenkt. Weicher Schwung und Formenstrenge in einem: Auf der Bühne der Uferstudios breitet sie einmal mehr ihr tänzerisches Markenzeichen aus, wenn die Arme nah am Körper winkeln und sie den Raum zum geometrischen Versuchsfeld macht. Seit einiger Zeit ist Riki von Falken verstärkt auf interkulturellen Pfaden unterwegs. So erkundete sie 2012 in „ECHO. It´s just a temporary thing“ gemeinsam mit dem jungen malaysischen Tänzer Naim Syahrazad das Spannungsfeld, das Begegnungen in sich bergen; die Unterschiede in Alter, Herkunft und Tanzsprachen speisten sich in den Dialog auf Augenhöhe ein, ohne je plakativ in den Vordergrund zu treten. Auch „Laundries in Hanoi“ lebt von dem Moment des Aufeinandertreffens. Hier sind es die filmische Schnitttechnik und Choreografie, die zu einer unaufdringlichen Narration ineinanderfließen. Wer sich auf diese suggestive Reise getragen von John-Cage-Klängen mitnehmen lassen möchte, ist bei Riki von Falken gut aufgehoben. /// Annett Jaensch

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