Tanzpresse

Der Moloch und seine Kinder

Wiederaufnahme: Constanza Macras | DorkyPark zeigen „Megalopolis“ in der Komödie am Kurfürstendamm

Foto: Dieter Hartwig

(  08.08.17 )

Großstädte sind bekanntermaßen Schauplätze von Extremen: Maximale Zusammenballung und absolute Vereinzelung des Individuums schließen einander nicht aus. Die Akteure von „Megalopolis“ tummeln sich in genau dieser Schnittmenge. Als Erste stürmt Fernanda Farah als Latina in blutrotem Kleid auf die Bühne und monologisiert wütend von ihrem erschossenen Bruder, ihrer verkorksten Liebe und dem Rest ihres persönlichen Dramas. Wut und Dramen scheinen überhaupt die Triebfeder von Macras` Megalopoliten zu sein, sie gehen beständig aufeinander los, Kulturen-Clash und Sprachverwirrung inklusive. Eine Szene sticht aus dem Bilderfluss heraus: Die adrett aufgerüschte Anouk Froidevaux eilt in Businessfrauen-Manier von einer Ecke zur anderen und doziert aufgekratzt über Architektur. Die Einlassungen beziehen sich auf die Thesen des niederländischen Architekten Rem Koolhaas, der befand, dass eine Stadt ohne Eigenschaften Menschen ohne Eigenschaften hervorbringt. Die passende Replik liefert Franz Rogowski: Während des Vortrags katapultiert er sich wie von Sinnen durch den Raum, knallt gegen Wände, rafft sich wieder hoch. Seine Gliedmaßen scheinen nicht mehr den Gesetzen der Physik zu gehorchen: So sieht personifizierte Entwurzelung aus. Das Bühnenbild aus Betonbaracken, Papier- und Kleidermüll sowie einem Phoneshop wird am Ende Kulisse unzähliger Szenen einer miteinander kollidierenden Multikulti-Meute gewesen sein. Macras bleibt sich treu: Sie bedient ein Unterhaltungsbedürfnis, das vor Trash-Momenten nicht zurückschreckt, blickt aber auch tief in den Spiegel des modernen, globalisierten Menschen. /// Annett Jaensch

Vorstellung: 9. und 10. Juli 2017, 20:30 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm

mehr Infos: http://www.komoedie-berlin.de

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