Tanzpresse

Dynamik aus Lethargie

TANZ IM AUGUST: Juan Domínguez mit “Blue” im HAU 2

Foto: Juan Dominguez

( JG 05.09.09 )

Wenn auf der Bühne zehn Minuten nach Beginn von Juan Domínguez' “Blue” noch immer minimale Alltags- und Verlegenheitsgesten sowie sympathische Langeweile kultiviert werden, wird man als Zuschauer doch etwas nervös. Man fragt sich bei der sich später aus dieser Sonntagslethargie entladenden, von ununterbrochenem Gekicher begleiteten – zugegeben - durchaus choreografierten Gruppenblödelei, wie lange es wohl noch gehen mag. Einige Zuschauer nehmen die nach einer weiteren Minimalphase und ein bisschen Jogging beginnenden sexuellen Handlungen der Darsteller zum Anlass, den Saal zu verlassen. Oder ist dies etwa Teil des Schauspiels? Doch hier lohnt es sich eigentlich zu bleiben, nicht so sehr weil “sex sells”, sondern weil hier tatsächlich Einfallsreichtum zu Tage tritt: einer Plastiktüte einen blasen, sich die Brust mit einem Stiefel stimulieren, den großen Zeh genussvoll in Sahnetorte tauchen, es mit einem Wasserflaschenkasten bzw. Feuerlöscher treiben. Diese Aktivitäten münden dann in ein Ballspiel der Fünfer-Gruppe, das wiederum abgelöst wird von gemeinsamer Urschreitherapie. Ein Fußball fällt vom Himmel, der lange, träge Sonntag scheint vorbei, doch dann fasert er doch noch ein bisschen aus. Die Akteure verlassen den Saal, das Licht geht an. Schade, dass die so willkürlich daherkommende, wenn auch dynamische Beliebigkeit des Stückes die analytische und schauspielerische Arbeit und Subtilität und die durchaus ansprechende einfühlsame Tonkulisse, die in ihm stecken, überschattet.

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