Tanzpresse

Echoraum des Weltschmerzes

Alain Platel/ les ballets C de la B zeigen „Nicht schlafen“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Chris van der Burght

(  16.01.17 )

Kreatürliche Konkretheit schlägt einem entgegen: Pferdekadaver, scheinbar achtlos aufgeschichtet, die Hinterbeine eines Tieres ragen in der Todesstarre wie obszöne Ausrufezeichen in den Raum. Ein Sinnbild für menschengemachte Verheerungen und Schlachtfelder soll, so scheint´s, die Skulptur von Berlinde De Bruyckere sein, die den Bühnenraum dominiert. In den ersten Minuten verharrt das neunköpfige Ensemble in Posen ritueller Anbetung im Schatten dieses fatalen Monuments. Der belgische Choreograf Alain Platel spannt in seiner neuen Produktion einen zeitlichen Bogen an den Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Inspiration lieferte ihm vor allem das Buch „Der taumelnde Kontinent“ von Philipp Blom, eine Analyse der Jahre 1900 bis 1914. Sein Befund: Das Gefühl, die Welt rase ins Ungewisse, teilen sich die Menschen in überraschend vielen Punkten heute genauso wie einst am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Der Firnis der Zivilisation ist dünn, soviel hat die Zeitgeschichte sattsamm bewiesen. Und das führen auch die acht Tänzer und eine Tänzerin zu Beginn vor, wenn sie ungebremst aufeinanderlosgehen und sich im wahrsten Sinne des Wortes die Kleider vom Leib reißen. Faszinierend ist, wie Platel die rohe Körperlichkeit im Verlauf des Stückes immer wieder in neue Richtungen führt. Aggression, Unterwerfung, Empathie, gar Zärtlichkeit brechen sich in der tänzerischen Interaktion Bahn. Alain Platel, der es schon immer liebte, seine Tanzwelten mit dem Klassik-Kanon – von Bach, Monteverdi bis Mozart, nur um einige zu nennen - zu verbinden, hat nun das erste Mal mit der Musik von Gustav Mahler gearbeitet, künstlerischer Seismograph ebenjener unruhigen Epoche vor dem Ersten Weltkrieg. In die Soundscapes von Steven Prengels fließen noch andere akustische Zutaten: Glockengeläut, Tierlaute, Zitate afrikanischer Musik. Mit dem Amalgam an Tanzstilen - Ballett und Hip-Hop-Anleihen blitzen auf – ergibt sich über weite Strecken ein aufregend pulsierendes Szenengeflecht. Zu den stärksten Momenten zählen aber vor allem jene, in denen der Tänzerpulk auf sich selbst zurückgeworfen ist und ohne Musik performt. Etwa wenn David Le Borgne und Elie Tass als unversöhnliche Duellanten ihre Leiber aufeinanderprallen lassen, Le Borgne bleibt schließlich als erschlagener, geschundener Jüngling am Boden zurück.

Platels Flirt mit der Gebrochenheit des musikalischen Kosmos von Mahler hat seinen Reiz, doch gerade diese Reibung streut irgendwann Sand ins Getriebe. Das Pathosumflorte, das durch einige Passagen strömt, legt sich wie eine Decke der Manierismen auf den Tanz. „Diejenigen Tänzer, die sich besonders eng an Mahlers Musik halten, sind eher in der Lage, ein Gefühl von Distanz und Befreiung zu vermitteln. Die Tänzer, die sich Mahler widersetzen, erscheinen weniger frei“, so zitiert das Programmheft Platel. Diesen Widerstreit aufzulösen gelingt nur bedingt und die Unwucht lässt einige Szenen - speziell im letzten Drittel – unentschlossen und etwas beliebig wirken. Einhundert Minuten lang gießt „Nicht schlafen“ Verunsicherung in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs in ein teils aufwühlendes, teils um sich selbst drehendes Gefühlstableau. Platels Taumelnde, am Ende stehen sie ermattet da, von der Erlösung soweit entfernt wie am Anfang./// Annett Jaensch

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