Tanzpresse

Eigensinnig im Dazwischen

Tanzfonds Erbe-Projekt zu Karin Waehner zeigt „Wegehen“ im DOCK 11

Foto: Kamil Mrozowski

(  22.03.18 )

Eine Diagonale. Von hinten links nach vorne rechts. Mehr braucht es nicht für Bruno Genty, Annette Lopez Leal und Michael Gross, um entlang dieser Achse ein intensives tänzerisches Miteinander zu verdichten. Sie driften immer wieder aus der Tiefe des Raums kommend vorwärts, hin zu einem Fluchtpunkt im Nirgendwo. Die Sequenz stammt aus „l´Exode“ und taucht tief ein in die Bewegungswelt von Karin Waehner, die das Stück 1986 choreografiert hatte. Karin Waehner ist eng mit einem großen Namen der Tanzgeschichte verbunden: Sie war Schülerin von Mary Wigman, der Grande Dame des Ausdruckstanzes, deren Ära ein knappes Jahrhundert zurückliegt.

Was weht herüber vom Tanzerbe, welche Verflechtungen gibt es im Heute? Der Blick in den Rückspiegel der Geschichte steht in der zeitgenössischen Szene schon länger hoch im Kurs, nach der Devise: Künstlerische Ahnenforschung stiftet Identität. Den Boom möglich gemacht hat vor allem Tanzfonds Erbe, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes. Insgesamt 2,5 Millionen Euro sind im Förderzeitraum von 2011 bis 2018 in 60 Projekte geflossen. Eines davon ist „Eigensinnig in Zwischenräumen“ und Karin Waehner gewidmet. Durch ihre Vita ziehen sich - wie durch viele andere Künstlerbiografien in der Mitte des letzten Jahrhunderts - Wege der Emigration. 1926 in Gleiwitz im heutigen Polen geboren, gelangt die junge Waehner 1945 zuerst nach Dresden und dann nach Leipzig, wo sie in der Privatschule von Mary Wigman ihr Tanzdiplom macht. Nach einer Station in Buenos Aires lässt sie sich, dem Rat von Marcel Marceau folgend, 1953 in Paris nieder. Sechs Jahre später gründet sie die Compagnie „Les ballets contemporains Karin Waehner“. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1999 wird sie als Choreografin und Pädagogin wichtige Mosaiksteine der französischen Tanzlandschaft mitbewegt haben.

Heide Lazarus, Tanzwissenschaftlerin und Initiatorin des Projekts, ist tief in das Leben und Wirken der Wigman-Schülerin Waehner eingestiegen. „Damals hatte der zeitgenössische Tanz noch nicht das Standing von heute“, betont Lazarus. „Karin Waehner war insofern eigensinnig, weil sie immer versucht hat, ihren Platz zu finden.“ Die Performance „Wegehen“, eine Zusammenschmelzung aus Wege und gehen, will nun Dekaden später Erinnerungsfäden aufnehmen und weiterspinnen. Reibung und Energie zieht der Abend vor allem aus einem Aspekt: der Begegnung der Generationen. Während Jean Masse und Bruno Genty ihre Expertise als ehemalige Tänzer und Weggefährten von Karin Waehner einbringen, gehören Annette Lopez Leal und Michael Gross einer jüngeren Riege an. Das erklärte Ziel: Die Vorlage zum Atmen bringen, ohne eine Kopie zu schaffen. „Celui sans nom“, ein Solo von Karin Waehner für Bruno Genty war von ihm bereits im Jahr 2013 an Annette Lopez Leal weitergegeben worden. Leal wiederum, langjährige Tänzerin bei Rui Horta, führte Michael Gross an das Schrittmaterial heran. Was nun 2018 auf der Bühne als erweitertes Trio zu erleben ist, strahlt genau jene Prinzipien ab, die Karin Waehner in ihrer Arbeit so wichtig waren und heute selbstverständliches zeitgenössisches Handwerkszeug sind: Gehen, Gewichtsverlagerung, Bodenkontakt. Und vor allem: das Erkennenlassen der Tänzerpersönlichkeit.

Wie fühlt es sich für die junge Generation an, auf historische Spurensuche zu gehen? Michael Gross, Jahrgang 1991, hat sich gern auf das Experiment eingelassen. Etwas Altbackenes und Dramatisches habe er erwartet, gibt er im Künstlergespräch lachend zu. „Wenn man aber seinen Körper einbringt, verändert das die Emotionen.“ Karin Waehner hat immer wieder Zwischenräume für sich reklamiert, kulturell wie ästhetisch. Wer mehr über sie als Mensch und Künstlerin erfahren möchte, wird im Dokumentarfilm „Karin Waehner – L'Empreinte du sensible“ (2002) fündig. Er streift mit Interviews und alten Originalaufnahmen durch ihr Leben. Wie sie Ende der 1950er Jahre die stilprägenden Arbeiten von Martha Graham bis José Limón für sich entdeckt, wie ihre Arbeit als Tanzpädagogin die französischen Sporthochschulen erreicht und wie sie sich in späteren Jahren wieder intensiver mit ihren expressionistischen Wigman-Wurzeln befasst, das alles steckt im filmischen Porträt. Das Dock 11 rahmt die Annäherung an Karin Waehner mit Podiumsdiskussionen und Vorträgen. Parallel dazu rückt das gtf Workshop-Festival zu transnationalen Konzepten im modernen Tanz weitere „Brückenbauerinnen“, wie Rosalia Chladek, Sigurd Leeder, Erika Klütz und Marianne Vogelsang, in den Fokus. Ein Blick zurück nach vorn. /// Annett Jaensch

weitere Infos: www.tanzfonds.de

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