Tanzpresse

Eine Frau für alles

Lea Moro mit „The End of the Alphabet“ in den Sophiensaelen

Foto: Dieter Hartwig

(  12.06.16 )

Ein Solo-Musical auf Rollschuhen, dazu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“: Bei wem sprießen da nicht wilde Assoziationen. Rauscht hier gleich eine schräge Klassik-Variante von „Starlight Express“ über die Bühne? Doch sobald Lea Moro auf den Stoppern ihrer Rollschuhe ins Blickfeld tappt, wird klar, dass die Antithese zur Glitzerwelt à la Andrew Lloyd Webber im Anmarsch ist. Zwei Rampen, schwingende Lichtkegel, vielmehr gönnt sich die Tänzerchoreografin nicht an Bühneneffekten. In dieses schlichte Setting hinein entfaltet die 29-Jährige eine erstaunliche Mixtur aus Gesang, Text und Rollschuhlauf. Mal zieht sie elegante Kreise auf ihren prekären Fortbewegungsmitteln, mal zerhackt sie bewusst Bewegungsabläufe. Die schmissige Storyline, unerlässlich für ein Musical, kommt bei Moro als kühn-absurde Collage daher. Denn wie sonst ließen sich die verfremdeten Schnipsel und Zitate aus ABBA-Songs, Youtube-Motivationsvideos, wissenschaftlichen Aufsätzen über Insektenstiche und noch einigem mehr beschreiben. „The End of the Alphabet“ macht vor allem eins: Indem es mit einem guten Schuss feindosierter Komik das Unterhaltungsgenre Musical dekonstruiert, lädt es auch zur Hinterfragung von Performance-Wirkmechanismen ein. Die einsam durch die Leere des Raums kurvende Moro, vor unseren Augen wird sie zum Pose-Pathos-Messfühler.

Nebenbei liefert die Inszenierung aber noch etwas anderes, eine gewiefte Fußnote zum Diskurs rund um die Krise der „großen Form“ nämlich. Die Hinwendung zu Soli, Duetten, Trios - für die chronisch unterfinanzierte freie Szene ist das seit Jahren notgedrungener Tummelplatz. Lea Moro, die am Laban Dance Centre in London und am HZT Berlin studierte, gibt diesem Modus ihre ganz eigene Färbung. In „Le Sacre du Printemps, a ballet for a single body“ schüttelte sie kurzerhand die verschiedenen Rollen des Corps de Ballet in Personalunion zusammen. Sie zelebriert also gern, so scheint´s, die größtmögliche Verknappung als künstlerische Spielwiese. Ihr Körper als Ensemble. Wenn sich „The End of the Alphabet“ dem Schlussakkord zuwendet, hat auch Moro ihre Posen durchbuchstabiert. Mit einem Kranz aus Pyrotechnik auf dem Kopf fackelt sie eine letzte Showeinlage ab. Zum Applaus verpuffen die Kerzen still, eine nach der anderen. /// Annett Jaensch

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