Tanzpresse

Glatt poliert

Gauthier Dance/ Dance Company Theaterhaus Stuttgart zeigen „Classy Classics“ im Haus der Berliner Festspiele

Szene aus „Decadance“, Foto: Regina Brocke

(  30.01.20 )

Die Company von Eric Gauthier machte im Januar dem Berliner Publikum zum dritten Mal seine Aufwartung. Nach den Gastspielen „Nijinski“ und „Mega Israel“ war nun der Abend „Classy Classics“ zu erleben. Hinter der markigen Alliteration stecken in der Tat Hochkaräter des zeitgenössischen Tanzes, denn der Ruf des Stuttgarter Ensembles ist mittlerweile so gut, dass Choreografen wie William Forsythe oder Ohad Naharin ihnen Stücke in die Hände legen. Letzterer hat das schon legendäre „Decadance“ beigesteuert. Vor 20 Jahren für die Batsheva Dance Company choreografiert, wird es von Ohad Naharin jeweils neu für jede andere Truppe zusammengestellt. „Decadance“ à la Gauthier Dance ist in den zehn einzelnen Sequenzen eine ganz unterschiedlich geartete Energiewolke, die sich immer auf den Punkt entlädt. Auch die Gaga-Technik versteht die in Stuttgart ansässige Company geschmeidig umzusetzen. Bei aller technischen Raffinesse wirkt das Gezeigte aber auch oftmals wie ein glatt poliertes Schmuckstück, ohne Ecken und Kanten. Das Parfüm des Subversiven, das durch viele Batsheva-Produktionen strömt, scheint hier zugunsten einer „cleaneren“ Version gezügelt.

Der visuelle Schauwert des Abends ist insgesamt hoch: In dem Duett „Herman Schmerman“ legen sich Bruna Andrade und Nicholas Losada erfolgreich ins Zeug, um das einzufangen, was den Forsytheschen Charme beim Aufbrechen von Ballettmustern ausmacht. Auch eine Choreografie von Eric Gauthier selbst ist zu sehen: „Orchestra of Wolves“, ein launiges Schmankerl um einen genervten Dirigenten mit Frack und Entenschnabel, der sich abmüht, sein wolfsmaskentragendes Orchester in den Griff zu kriegen.

Einen herausragenden Eindruck aber hinterlässt ausgerechnet die personelle Minimalform inmitten der Gruppenstücke: das Solo „Äffi“ in der Choreografie von Marco Goecke. In der Interpretation des Tänzers Theophilus Veselý wird der aus dem Jahr 2005 stammende Elfminüter zu einem fiebrig-explosiven Ritt durch Männlichkeitsbilder. Der junge Österreicher lehnt sich wie eine gespannte Metallfeder hinein in die Johnny-Cash-Songs, die als Folie für Assoziationen eine Menge hergeben: Rebellion und Verletzlichkeit, Wut und Vergeben und noch einiges mehr aus dem Gefühlskosmos. Mal flattern die Arme wie bei einem Schmetterling, mal wirft sich der Körper in Matador-Pose. Das Solo hat viele Passagen, in denen Veselý dem Publikum den Rücken zuwendet und doch ist auch in diesen Momenten der nackte Oberkörper eine beredte Landschaft, die das Innenleben spiegelt. Marco Goecke schiebt hier eine Männerseele gekonnt unters Brennglas. Von Theophilus Veselý großartig performt. /// Annett Jaensch

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