Tanzpresse

Hang zum Perfekten

Das Nederlands Dans Theater mit „Shoot the moon / Thin skin / Stop Motion“ im Haus der Berliner Festspiele

Szene aus „Thin skin“; Foto: Rahi Rezvani

(  01.11.15 )

„You are the adrenaline rushing through my veins“, so singt Patti Smith in „Godspeed“. Die gleiche fiebrige Energie, die den Song durchpulst, treibt auch „Thin skin“ an. Marco Goecke, seit 2014 „Associate Choreographer“ beim Nederlands Dans Theater, hat die knapp dreißigminütige Arbeit nicht zuletzt auch als Verbeugung vor der Punk-Ikone konzipiert. Auf den hautengen Trikots der Tänzer prangen Muster, die an Tattoos erinnern. Stehen sie für Markierungen des Lebens? Für überzeichnete Individualität? Eindeutige Antworten lassen sich nicht festmachen, mit dem Fokus Haut jedenfalls will Goecke seinen Tänzern metaphorisch ganz nah auf den Leib rücken. Der 43-Jährige, der auch Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett ist, gilt nach wie vor als „Junger Wilder“ und das obwohl bereits rund 60 Arbeiten auf sein Konto gehen. Es mag am irrwitzigen Tempo liegen, mit dem er seine Choreografien oftmals ausstattet, das klassische Vokabular nutzend, es gleichzeitig aber auch brechend mit eigensinnigen Elementen. Auch „Thin skin“ führt das eindrücklich vor: Zum rauen Timbre von Patti Smith krümmen sich Rücken, zucken feinnervig Glieder, Zerrissenheit und Spannung vibrieren förmlich unter der Oberfläche.

15 Jahre ist es her, dass das NDT das letzte Mal in Berlin Station machte. Seit der Ära des künstlerischen Leiters Jirí Kylián in den 1980er und 90er Jahren, in der die Compagnie zum Fixstern des zeitgenössischen Tanzes aufstieg, haben die Niederländer natürlich ihr Profil weiterentwickelt. Inzwischen ist die Handschrift der Hauschoreografen Sol León und Paul Lightfoot stilprägend, dazu holt man sich regelmäßig namhafte Kollegen als Gastchoreografen ins Boot, wie Hofesh Shechter, Sharon Eyal oder eben Marco Goecke und Chrystal Pite, deren Stücke alternierend beim Gastspiel zu sehen waren. Vom Kreativduo León & Lightfoot stammt auch „Shoot the moon“, der Auftakt des Abends. Das drehbare Bühnenbild öffnet immer wieder neue Einblicke in drei Räume und damit in Beziehungswelten von Paaren. Und so stürmen sie ineinander, die Ruhelosen, die nicht ohne, aber auch nicht mit dem anderen sein können. Fenster, Türen werden Sinnbilder für kleine Fluchten und Abschiede, für Scheitern und Neubegegnungen. Die tänzerischen Interaktionen zur Musik von Philipp Glass sind von edler Eleganz, aber es scheinen auch Momente auf, in denen die Darbietung routiniert-gefällig wirkt.

In „Stop-Motion“ schließlich weht ein melancholischer Atem über die Bühne. Transformation und Abschied ist die thematische Klammer, die das Stück umschließt. Verlassen und Verlassenwerden, Verlust eines geliebten Menschen oder generell Wendepunkte im Leben: Jeder mag anders an die Begriffe andocken. In riesenhafter Projektion schaut ein Frauengesicht von der Bühne – Saura, die Tochter des Choreografenpaares – ihr Blick grundiert das tänzerische Geschehen mit schwer fassbarer Traurigkeit. Sicher, man könnte dem Stück Effekthascherei vorwerfen, denn alle Elemente setzen auf eine exquisite ästhetische Wirkung: der weiße Staub, den die Tänzer pittoresk aufwirbeln, die klagenden Streicherklänge von Max Richter, die hyperrealistischen Slow-Motion-Projektionen. Die Choreografie wagt sich zwar nah heran an die Pathosgrenze, verzahnt Tanz, Musik und Video aber derart, dass die kreierten Momente letztlich doch zu einem stimmigen Ganzen zusammenfließen. Das Nederlands Dans Theater hat mit diesem Gastspiel einmal mehr unter Beweis gestellt, wofür es steht: Tänzerische Perfektion und höchster Sehgenuss. /// Annett Jaensch

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