Tanzpresse

Harmonien, entwoben

Laurent Chétouane zeigt „Op. 131: End/ Dance“ im HAU 1

Foto: Eva Würdinger

(  04.12.19 )

Das Ende, es verweist immer auch auf einen Anfang. Unzählige Philosophen haben sich schon über diesen Kreislauf gebeugt. Wenn ein Tanzsolo mit dem Titel „End/ Dance“ sich mit einem der letzten Streichquartette konfrontiert, die Ludwig van Beethoven komponierte, dann zurrt sich die Erwartungshaltung schon mal recht weit oben fest. Welchen Formexperimenten wird man beiwohnen? Wird es vor essenzeinfangenden Momenten nur so wimmmeln? Der Choreograf Laurent Chétouane hat zusammen mit dem Tänzer Léonard Engel eine Arbeit entwickelt, die jeglichen Anflug von vermutetem Pathos von Anfang an aushebelt. Dass ein Bühnenoutfit aus T-Shirt, Jeans und Sneakern inzwischen schon fast so etwas ist wie die textile Garantie für Authentizität und pureness, sei mal dahingestellt. Engel wirkt jedenfalls ganz und gar bei sich, als die vier Musiker*innen in ihre musikalische Live-Performance einsteigen, das Vortragen des Streichquartetts Nr. 14 cis-Moll op. 131 in voller Länge nämlich.

In den nächsten rund 50 Minuten wird Engel den Bühnenraum in seiner kompletten Ausdehnung bespielen. Und dabei sind vor allem Drehungen und Kreise die Formklammer des Abends. Das mag eintönig klingen. Doch der Tänzer aus Frankreich zelebriert in der Choreografie genau das, worum es auch in der Musik geht: Variationen. Ganz Messfühler der Streicherklänge schreibt Engel mal balletteske Linien in den Raum, dann wieder tändelt er lässig dahin oder schleudert impulshaft Bewegungen aus sich heraus. Wenn er in den Drehungen die Körperachse kippen lässt, erfährt das Material ebenfalls immer neue Verschiebungen. Um eine rein technisch möglichst harmonische Verzahnung von Tanz und Musik geht es bei alledem nicht. Vielmehr soll sich der Gestus, der auf beiden Seiten wohnt, berühren. Beethoven, der am Ende seines Schaffens die gängigen Kompositionsprinzipien zu zerlegen bereit war. Und der bewegte Körper, der rund 200 Jahre später genauso auf sich zurückgeworfen ist als Instrument des künstlerischen und menschlichen Ausdrucks auf der Suche nach Neuem.

Laurent Chétouane, der in vielen seiner früheren Stücke Tanz als eine Art Konzeptvehikel pflegte und seit einiger Zeit wieder mehr in Richtung einer forschenden Körperlichkeit geht, legt mit „Op. 131: End/ Dance“ eine interessante Fusion der Möglichkeitsräume vor. Im Begleittext zum Stück ist davon die Rede, dass es heute auch darum gehe, das Ende von bisherigen Lebensweisen zu akzeptieren oder es sogar selbst herbeizuführen, damit Neues entstehen kann. Ein Gedanke, der mit Blick auf unser gesellschaftliches Jetzt und Hier Nachhall verdient. /// Annett Jaensch

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