Tanzpresse

Hart am Wahnsinn

Gauthier Dance zeigt „Nijinski“ von Marco Goecke im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Regina Brocke

(  31.01.18 )

Es heißt, Waslaw Nijinski konnte bei einem Sprung in der Luft innehalten. Ein Tanzgott auf den Ballettbühnen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eine tragische Figur im Leben, die früh in die Schizophrenie glitt. Gut ein Jahrhundert nach dem Skandalstück „Le Sacre du Printemps“, für das Nijinski die Choreografie geliefert hatte und das die Tanzgeschichte so nachhaltig prägen sollte, hat Marco Goecke sich der Ikone genähert: abendfüllend, feinnervig und überraschend nah an den Lebenslinien, ohne dabei die Biografie platt zu vertanzen. Rosario Guerra verkörpert die Titelrolle und sobald er die ersten Schritte in den Raum schreibt, ist klar, dass es vor allem Guerras 90 Minuten werden.

Goecke bleibt auch in „Nijinski“ seinem hochtourigen Choreografie-Stil treu und wirft ohne Unterlass mit nervöser Energie gesättigte Bewegungsidiome auf die Bühne. In zehn Szenen begegnen uns Schlüsselfiguren, die Nijinskis Vita kreuzten: Zuvorderst natürlich Impresario Diaghilew, der ihn bei den Ballets Russes groß machte und später sein Liebhaber wurde. Aber auch die polnische Mutter Matka, sein Freund Isajef und die spätere Gattin Romola haben ihre Auftritte. Goecke verwebt bestechend präzis ausgeführte Gruppenszenen mit Duetten und Soli, denen oftmals kleine Gesten und Symbolhaftigkeit genügen, um den Beziehungskosmos der Figuren auszuleuchten. Dass über weite Strecken die Klavierkonzerte von Frédéric Chopin das Treiben untermalen, füttert einen interessanten Kontrast, bietet die Partitur doch immer wieder Momente aufschäumender Emotionalität. Allerdings breitet sich dadurch stellenweise auch ein allzu wohlmeinender Klangteppich über den Tanz. Das überexpressive Mienenspiel – Fingerzeig darauf, dass Theater und Leben bei Nijinski nicht zu trennen waren – mag ebenfalls mitunter zu dick aufgetragen wirken. Gleichwohl überzeugt die Kreation: Guerra füllt den großen Rahmen des von der Kunst beseelten und vom Wahnsinn verfolgten Menschen Nijinski mit einer beeindruckenden Präsenz und technischen Perfektion. Wenn er in der Schlussszene manisch Kreise auf die Bühne zeichnet, dann wird ein tragisches Stück Tanzgeschichte lebendig und fühlbar. /// Annett Jaensch

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