Tanzpresse

Hinausschmelzen aus der Welt

Tanz im August: Kaori Seki/ Co. Punctumun zeigen „WO CO“ im Hau 2

Foto: GO

(  28.08.19 )

Die japanische Choreografin Kaori Seki beschert mit ihrer Performance „WO CO“ einen denkbar krassen Kontrast: Von einem gleißenden Sommertag draußen vor dem Theater geht es hinein in eine Welt, die erst einmal alles herunterbremst. Stille, Schummerlicht und schwarzer Sand auf der Bühne, der wie die Oberfläche eines fernen Planeten schimmert, bilden den sensorischen Rahmen für die nächsten 75 Minuten. Sobald die sieben Performer*innen den matten Lichtkegel in der Mitte der Bühne entern, setzt sich ein Wechselspiel aus Entschleunigung und atmosphärischer Verdichtung in Gang. Dem die eigenen Sinne nach und nach folgen: Jeder kleinste, von den Körpern erzeugte Laut, jede gesehene Muskelbewegung schraubt sich in Augen und Ohren. Die fünf Tänzerinnen und zwei Tänzer in hautfarbenen Kostümen erscheinen wie Wesen, die sich ihrer Bestimmung erst einmal vergewissern müssen. Sie trippeln in das Licht hinein und wieder hinaus, schmiegen sich als Körperkette aneinander, fallen zu Boden oder ihre Glieder frieren in Posen ein. Die gekrümmten Leiber wirken ein ums andere Mal wie das Echo des menschlichen Lebenszyklus vom Baby bis zum Greis. Das Humane und das Posthumane: Sie scheinen in diesem Miteinander wie Folien übereinanderzuliegen. Kaori Seki arbeitet in ihren Choreografien auch mit Gerüchen. Die Parfüm-Designs von Toshifumi Yoshitake, die dabei zum Einsatz kommen, tragen Titel wie „Geruch, der die Welt darstellt“ oder „Geruch, der an den Tod erinnert“. Was in „WO CO“ die Nase erreicht, führt wie auch der Tanz auf das Terrain des Vagen und Unbestimmten, auf dem jeder für sich seinen Deutungsweg einschlagen kann. Kaori Seki gelingt mit ihrer Kreation auf unaufdringliche Weise smarte Theaterkunst: Sie fordert die Sinne der Zuschauenden und entlässt mit dem Gefühl einer meditativen Reise, bei der Zeit und Raum ihre gewohnte Greifbarkeit verlieren. /// Annett Jaensch

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