Tanzpresse

Krieger der Poesie

Wiederaufnahme: Theater Thikwa präsentiert „Seesaw“ im F40-Studio

Foto: David Baltzer

(  12.12.15 )

Das ist schon ein bizarres Requisit, dieses Kaninchen unter Zellophan. Weiß wie bei Alice im Wunderland ist es zwar nicht, aber in wundersame Gefilde will es dennoch locken. Die nächtliche Traumwelt ist es, in die das Ensemble des Theaters Thikwa zusammen mit dem tierischen Begleiter in dem Tanzstück „Seesaw“ abtaucht. Damit die somnambulen Phantasien so richtig in Gang kommen, darf natürlich ein Bett nicht fehlen. Ein majestätisches Exemplar mit Messingknäufen erwartet die zwölf Traumwandler, doch denen steht vorerst der Sinn nicht nach Ruhe. Sie hüpfen darüber hinweg, stoßen sich bei jeder Runde schwungvoller ab, als ob sie in eine andere Dimension fliegen wollten. Auf ganz individuelle Art und Weise vollführen die Performer diese kleine Sprungbrettnummer. Kein Wunder, denn wie in jeder Produktion des Theater Thikwa e.V. stehen behinderte und nicht behinderte Darsteller mit unterschiedlichen Bewegungsressourcen gemeinsam auf der Bühne. Mit schwarzen Kajalstrichen unter den Augen und den farbenfrohen Kostümen von Pablo Alarcón wirken sie wie Krieger der Poesie. Vor allem die Musik versorgt das Geschehen mit atmosphärischer Tiefe. Mal haucht Kate Bush sanft-versponnene Töne, mal lässt Angelo Badalamenti grüßen, der Soundtracks für Filme von David Lynch komponierte.

Es sind besonders die kleinen szenischen Einfälle, die verblüffen. An einer Stelle bläst Alexander Lange, der im Rollstuhl agiert, mit einem Strohhalm in ein Wasserglas. Das leise Blubbern sickert ein in den Strom der märchenhaften Assoziationen, die längst entstanden sind. Wehende Vorhänge, wie von Geisterhand bewegt, geheimnisvoll wispernder Wind: Auch wenn dies altbewährte Theatertricks sind, sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Und das liegt vor allem am konzentriert spielenden Ensemble. Immer wieder entspinnen sich Duette zwischen den professionellen Tänzern und den Thikwas, wie die Mitglieder des integrativen Projektes genannt werden. So entern Vasileios Koutras und Katharina Maasberg raubtierhaft über den Boden gleitend die Bühne. Am Ende der dynamischen Begegnung thront die Darstellerin mit Down-Syndrom auf den Schultern ihres Partners und reckt sich stolz in die Höhe. Im Traum, da galoppieren sie, die Phantasien.

Den Trip in die Tiefen der Nacht hat Linda Weißig choreografiert. Seit 2007 erarbeitet sie regelmäßig Tanzstücke für Thikwa. „Die Freude und das Lachen“, so beantwortet sie spontan die Frage nach dem Reiz dieser künstlerischen Arbeit. Die Kaninchenfigur hat es unterdessen nur zum Sidekick gebracht. Corinna Heidepriem, die schon in vielen Thikwa-Stücken zu sehen war, hat sie ein paarmal behutsam über die Bühne bugsiert. Ihre Kollegen schwingen sich derweil auf der titelgebenden Schaukel in entferntere Traumsphären davon. Man verlässt „Seesaw“ mit dem Gefühl, integratives Theater in geglückter Form gesehen zu haben: sachte vorwärtstastend und dabei doch ungemein souverän. /// Annett Jaensch

9. bis 12. / 16. bis 20. Dezember 2015, jeweils 20 Uhr im F40 Theater Thikwa

mehr Infos: http://www.thikwa.de/repertoire/seesaw.html

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