Tanzpresse

Litauen tanzt

4. Lithuanian Dance Festival vom 1. bis 5. Februar im DOCK 11 und im Theater an der Parkaue

Szene aus „Dior in Moscow“ von PADI DAPI Fish; Foto: Vytautas Petrikas

(  08.02.17 )

Mit einer spielerisch-interaktiven Performance begrüßten die fiktiven Charaktere B&B - verkörpert von Agniete Lisickinaite und Greta Grineviciute - am 1. Februar zum Start des Festivals das Publikum im Innenhof des DOCK 11. In zwei kaum unterscheidbaren Kostümen, als ob sie nicht unterscheidbar sein wollten, präsentierten B&B eine kleine Tanzperformance, die auf das Verschwimmen von Identitäten Bezug nimmt. In einer Runde „Booble“ (statt Google) beantworteten die beiden die Fragen des Publikums und sagten ihm wie ein Orakel sogar die Zukunft voraus. Von da an war klar, wir befanden uns nicht mehr in Berlin, sondern in der Welt von B&B, in der nur das Hier und Jetzt zählt. So schafften es die beiden Künstlerinnen trotz des kalten Windes draußen, das Publikum aufzuwärmen, indem sie es in die Performance einbezogen und es unterhaltsam auf die erste Präsentation auf der Bühne vorbereiteten.

Dort eröffnete das Vytis Jankauskas Dance Theatre das Festival mit „Blind Spot“. Der Titel bezieht sich nicht nur auf den blinden Fleck in der Anatomie des Auges, sondern steht auch als Metapher für das Ausblenden davon, was Menschen nicht sehen möchten. In dem Stück spielen die beiden Tänzerinnen Giedre Kirkilyte und Ruta Butkus mit ihren Körpern und mit Perspektivänderungen, während ein Video im Echtzeit-Modus zeigt, was die Tänzerinnen sehen oder sehen wollen – diese Konstellation lässt das Publikum den eigenen Blickwinkel hinterfragen. Das Stück bleibt jedoch nicht nur auf dieser visuellen Ebene. Auch durch das Spiel mit der Berührung machen die Tänzerinnen ihre eigene Sensibilität erkennbar. Die nüchterne Beleuchtung, die experimentelle Musik, die schlichten Kostüme und die Schwarz-Weiß-Videos der Tänzerinnen auf der Bühne trugen zu einer fein austarierten Atmosphäre bei. Im Anschluss fand das „Afterwards – Meet and Greet“ statt, in dem es zwischen litauischen Getränken und kleinen Köstlichkeiten Gelegenheit gab, Erfahrungen mit den Künstlerinnen und Künstlern auszutauschen.

Am zweiten Festivaltag performten zwei junge Choreografen aus Estland, dem Gastland des Festivals. Obwohl Henri Hütt und Karl Saks beide von der Viljandi Culture Academy kommen, zeigten sie sehr unterschiedliche Arten der Bühnenkomposition. In „Rhythm is a Dancer“ geht Hütt seinem persönlichen und wahren Rhythmus nach und lässt uns auf frische und poetische Art sehen, welche wesentliche Rolle das Herz auf dieser Suche nach dem inneren Rhythmus einnimmt. Saks wiederum präsentiert „State and Design“ in einem kalten Raum voller Geräte, die er während seiner Performance betätigen wird – bisweilen auf kontemplative, bisweilen auf rohe Weise. Diese Rohheit zeigt sich durch seine Bewegungen und macht das Publikum zu Mitwissenden seiner exzentrischen Auseinandersetzung auf der Bühne. Der Abend schloss mit einem Interview, das der Tanzjournalist Arnd Wesemann mit den beiden Choreografen führte.

An den folgenden Tagen ging es mit einem vollen und abwechslungsreichen Programm weiter. In Kooperation mit dem Theater an der Parkaue fand am 3. Februar um 10:30 Uhr (sowie am Samstag um 11:00 und um 15:00 Uhr) dort der Programmpunkt „Bunte Spiele“ des Dansema Dance Theatres statt. Kinder von null bis drei Jahren waren eingeladen, mit Spielbällen, Bändern, Ringen und vielem mehr gemeinsam mit der Tänzerin Giedre Subotinaite die Welt und sich selbst zu entdecken. Am Freitagabend folgte die Gruppe PADI DAPI Fish mit „Dior in Moscow“. In dem Stück, das auf der Basis einer sozioökonomischen Studie und von Interviews entwickelt wurde, kreisen Ingrida Gerbutaviciute und Agnija Šeiko um typische Rollenmuster von Frauen in der sowjetischen bzw. post-sowjetischen Gesellschaft und thematisieren den westlichen Einfluss darauf. Nach einer erneuten Einlage der Performance-Künstlerinnen B&B waren am späten Abend die jungen litauischen Choreografen Marius Paplauskas und Marius Pinigis zu sehen. Ihr Stück „(g)round zero“ war eine Testosterondusche, eine Ode an den Prototyp des männlichen Geschlechts. Die beiden sehr unterschiedlichen Tänzer - Paplauskas kommt aus dem Hip-Hop, Pinigis aus dem zeitgenössischen Tanz - treffen in mehreren Runden offensiv ausgelebter Körperlichkeit aufeinander und lernen sich kennen, um später eine Harmonie zwischen ihren Bewegungsstilen zu kreieren. Jedoch war die Performance nicht auf Körperlichkeit beschränkt. Sie zitierten berühmte Elemente maskuliner Popkultur, verwendeten Sprache, Gesang sowie auch Beatboxing und begeisterten das Publikum mit einem intensiven und vielfältigen Stück.

Am Samstag- und Sonntagnachmittag luden das PADI DAPI Fish Dance Theatre und Annika Ostwald zu dem performativen Walk „Lucky Lucy“ ein. Treffpunkt war jeweils am Nordbahnhof in Berlin-Mitte. Von dort ging es auf dem Weg durch ein Labyrinth voller Geschichten bis zum DOCK 11. Das AURA Dance Theatre, das zum zweiten Mal am Festival teilnahm, präsentierte am Samstagabend das Stück „Klymaxless“ der Choreografin Liza Baliasnaja - einer ehemaligen P.A.R.T.S.-Studentin. Die Choreografin nimmt in diesem Stück Vertrautes und stellt es auf der Bühne in einen neuen Kontext. Dadurch lädt sie das Publikum ein, Bekanntes anders zu betrachten und kritisch zu hinterfragen. Das Stück besticht durch ein durchdachtes Konzept und perfekt abgestimmte Bewegungssequenzen. Auch dadurch hinterließ es viele Zuschauerinnen und Zuschauer voller Fragen. Im Anschluss fand wieder ein „Afterwards – Artist Talk“ mit der Tanzjournalistin Annett Jaensch, Liza Baliasnaja, Marius Pinigis und Birute Baneviciute, der künstlerischen Leiterin des Dansema Dance Theatres, statt. Die intensive Diskussion über die litauische Tanzszene stellte klar, dass zeitgenössischer Tanz dort noch eine relativ junge Sparte ist, die aber verstärkt nach Internationalisierung und Anerkennung vor allem in Europa strebt. Angesichts der Tatsache, dass die junge Choreografengeneration für Ausbildungs- und Projektphasen ebenjene internationale Vernetzung zunehmend sucht, wurde die Frage nach der litauischen Identität im zeitgenössischen Tanz und der eigenen Identifikation mit dem Heimatland kontrovers diskutiert.

Am Sonntagmittag wurde zum Brunch mit Podiumsdiskussion mit der Tanzkritikerin und Kulturjournalistin Claudia Henne eingeladen. Sie sprach mit der Direktorin des Lithuanian Dance Information Centres Gintare Masteikaite und Priit Raud, dem künstlerischen Leiter des Saals der Tallinner Knudsgilde in Estland. Auch hier waren die Themen der kulturellen Zugehörigkeit und Internationalisierung der baltischen Tanzszene sehr präsent. Weitere Diskussionspunkte waren die Bedürfnisse nach finanzieller Absicherung vs. künstlerischer Unabhängigkeit von Choreografen und Choreografinnen und die künstlerischen Kooperationen mit anderen ehemaligen Sowjetländern. Nach weiteren Aufführungen von „Lucky Lucy“ und „Klymaxless“ präsentierten am Sonntagabend B&B mit „B&B Dialogue“ das letzte Stück des Festivals. Auch hier wurden die Themen Identität und Zugehörigkeit behandelt. Performativ wird die Geschichte der beiden Charaktere B&B dargestellt, deren Leben sich verselbstständigt. B&B erzählen einerseits die Transformation der Charaktere; gleichzeitig boten sie eine Rückschau auf das Festival, indem sie Zitate und Mitschnitte anderer Stücke in ihre Performance einbauten und auch das Publikum in Videomitschnitten zu Wort kommen ließen. B&B führten durch die viertägige Veranstaltung und waren das Gesicht des Festivals. Am Ende jedoch nahmen die Künstlerinnen diese Masken ab, um die Personen hinter den Charakteren zu zeigen.

Insgesamt bot das Festival durch choreografierte Stücke, interaktive Einlagen und Künstlergespräche einen umfassenden und intensiven Einblick in die vorherrschenden Themen der künstlerischen Auseinandersetzung zeitgenössischer Choreografinnen und Choreografen aus Litauen. Beeindruckend waren die Vielfalt und Ehrlichkeit der Performances. Hut ab vor der großartigen Organisation im Hintergrund und Applaus für dieses Festival voller hervorragender Künstlerinnen und Künstler.

Weitere Information unter www.litauentanzt.com, www.dance.lt oder bei www.dock11-berlin.de

Gabriela Merino de la Torre

 

Gabriela Merino de la Torre hat Szenische Künste und zeitgenössichen Tanz in Lima (Peru) studiert. Seitdem hat sie an zahlreichen Tanz- und Theaterprojekten in Peru, Chile und Deutschland teilgenommen. Seit dem Abschluss der Weiterbildung „Creating Dance in Art and Education“ an der UdK Berlin entwickelt sie eigene Projekte als Choreografin. 

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