Tanzpresse

Mit doppeltem Boden

Festival Foreign Affairs: Hofesh Shechter zeigt „Sun“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Gabriele Zucca

(  11.07.14 )

„Am Ende wird alles gut!“, so versichert es die Stimme aus dem Off gleich zu Beginn. Wie zur Bestätigung wird umgehend ein finaler Schnipsel des Stücks gezeigt. In einem kurzen Flash zirkelt sich der Tänzerpulk als barockes Tableau über die Bühne. Trotzdem – oder gerade deswegen – schwant einem: Dem Spruch notorischer Optimisten ist ein doppelter Boden eingezogen. Nach „Political Mother“, dem düster pulsierenden Tanzspektakel um Machtmechanismen und Manipulation, das vor zwei Jahren in Berlin zu sehen war, hat Hofesh Shechter nun mit seiner neuen Produktion „Sun“ bei Foreign Affairs Station gemacht. Etwas Leichtes, Heiteres habe er nach „Political Mother“ produzieren wollen, wie er in etlichen Interviews angab. Doch „Sun“ ist allenfalls an der Oberfläche licht. Die Tänzer in ihren hellen, fließenden Gewändern - irgendwo angesiedelt zwischen Commedia dell’arte-Figuren und Gauklertruppe – zelebrieren anfangs noch den schönen Schein. Alsbald ändert sich jedoch das höfische Idyll. Pappmaché-Schafe werden über die Bühne geschoben. Und wer folgt auf den Fuß? Natürlich der Wolf. Dazu kreischt eine Dame im Parkett markerschütternd. So herrlich plakativ ausgestanzt hat es seinen Auftritt: das alte Gespann von Gut und Böse, von Täter und Opfer. Was ist der Preis für das Leben auf der Sonnenseite? Das ist die Frage, die Shechter umtreibt. 1975 in Israel geboren war er zunächst Mitglied der Batsheva Dance Company, bevor er sich 2002 als Choreograf in Großbritannien niederließ. In „Sun“ hat er auch Verweise auf die Kolonialgeschichte seiner Wahlheimat eingewoben, etwa wenn aus Schaf und Wolf plötzlich ein afrikanischer Stammeshäuptling und ein Eroberer in Tropenhelm werden. Erion Kruja als manischer Zeremonienmeister mit Tambourin lenkt das Geschehen und die Aufmerksamkeit des Publikums. So umgarnt das Groteske die Moral und konfrontiert mit unbequemen Wahrheiten. Denn dass die Privilegien der Stärkeren auf Kosten der Schwächeren gehen, schreibt sich fort bis in die Gegenwart. Der stilistische Rückgriff aufs Possenhafte gepaart mit überdeutlichem Zeigefinger schießt zwar stellenweise übers Ziel hinaus, die Wucht des Tanzes macht das aber wieder wett. Shechters Markenzeichen ist die atmosphärische Verdichtung von Musik und Tanz. Dem rau-energetischen Bewegungsmaterial ist die Batsheva-DNA anzumerken. Wie die 14 Tänzer immer wieder zur präzise orchestrierten Masse werden, wie sich Situationen blitzschnell verzerren, wie die Sequenzen sich aufladen unter dem Soundtrack, in den Shechter bezeichnenderweise Wagners Tannhäuser hineingemengt hat, das alles hält bis zur letzten Minute in Atem. Annett Jaensch

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