Tanzpresse

Nabelschau der Krisenkinder

Wiederaufnahme: „Trust“ von Falk Richter und Anouk van Dijk in der Schaubühne Berlin

Foto: Dieter Hartwig

(  18.10.16 )

Die Feuilletons der Republik haben sie schon vor längerer Zeit ausgerufen: Auf die Generation Golf und Praktikum in den 80er und 90er Jahren folgte die Generation Krise in den Nullerjahren. „Trust“ lädt ein zur Nabelschau dieser Krisenkinder. „Wollen wir es nicht so lassen, wie es ist?“, so rufen es sich die Akteure nahezu beschwörend am Anfang zu. Denn alles droht immer noch komplizierter und komplexer zu werden, nicht nur die Gesellschaft, die täglich Verlierer und Gewinner der Globalisierung ausspuckt, sondern auch das Private. Dialogfetzen zwischen Paaren oder Ex-Paaren - wer weiß das schon so genau - fliegen hin und her. Das Gefühl des Prekären hat sich auch in den Beziehungen eingenistet. Die Choreografie von Anouk van Dijk bebildert diesen Zustand eindrücklich: Die Tänzer gleiten und taumeln aneinander vorbei, stoßen einander ab, nur um sich im nächsten Moment in innigen Umarmungen wiederzufinden. Falk Richter hat den Text für das Stück geliefert und trifft an vielen Stellen den Nagel auf den Kopf. So lässt er etwa Stefan Stern mit delirierenden Monologen brillieren. Viel Schönes hat auch die Szene, in der alle mal richtig wütend bellen sollen, doch heraus kommt kein Protestgeheul, sondern nur zahme Töne. Leider läuft die Textmaschine dann aber irgendwann heiß: So wortreich und geschliffen die Kapitalismuskritik ist, so überexplizit ist sie auch. Da wird in Variationen wiederholt, bis auch der Letzte kapiert hat, warum der Karren im Dreck steckt. Der Abend lohnt sich trotzdem, denn das hervorragende Ensemble spielt mit Verve und Herz. /// Annett Jaensch

Vorstellungen: 18. und 19. Oktober 2016 jeweils 20 Uhr in der Schaubühne am Lehniner Platz

weitere Infos: https://www.schaubuehne.de

< Nachwuchstalent