Tanzpresse

Ohne Schnörkel

„Golden hours (As you like it)“ von Rosas/ Anne Teresa De Keersmaeker bei der Ruhrtriennale

Foto: Anne Van Aerschot

( JO 28.09.16 )

Die abgeteilte Halle in der Jahrhunderthalle in Bochum sieht kahl aus, Industriecharme. Es ertönt „Another green world“ von Brian Eno, sonst geschieht nichts. Das Lied beginnt ein zweites Mal und die Tänzerinnen betreten die Bühne, sie beginnen langsam nach vorne zu laufen, wie eine Mannschaft in Turnschuhen. Manchmal bricht jemand aus. Das Lied läuft viermal, danach verhandeln sie viel in Stille. Sie treten in bewegte Dialoge miteinander, sie bewegen die Lippen, doch wir hören sie nicht. Das Bewegungsrepertoire ist zeitgenössisch, sie gehen zu Boden, sie lehnen aufeinander, sie arbeiten mit Gesten. Das Stück orientiert sich am Handlungsverlauf von Shakespeares „As you like it“ und wie zu Shakespeares Zeiten tanzen Männer Frauenrollen. Rosalind wird vom Hof des Onkels verstoßen und beschließt gemeinsam mit ihrer Cousine den strengen Hof zu verlassen und in den Wald zu gehen, wo Verstoßene und Freigeister leben.

Bemerkenswert ist die Aufmerksamkeit aller für die gesamte Gruppe zu jedem Zeitpunkt, es vibriert auf der Bühne. Oft tanzt nur eine Person, aber alle anderen sind ganz bei ihr und das vergrößert die Bewegungen und lässt Gruppendynamik entstehen. Auch die Bewegung ist ohne Dekor, ohne Schnörkel, nicht auf Schönheit bedacht. Manchmal meint man eine Regel erkannt zu haben, doch dann wird sie gebrochen. Häufig glaube ich das Geschehen auf der Bühne nicht hundertprozentig entschlüsseln zu können, das macht mich aufmerksam. Auf die Rückwand werden Zitate aus Shakespeares Stück projiziert, diese dienten als Inspiration für die Bewegungsentwicklung. Manchmal erkenne ich Texthaltungen in den Tänzerkörpern wieder, Entschlossenheit, Wut, Schüchternheit. Das lange Geschehen ohne Sound beginnt irgendwann das Zeitempfinden herauszufordern, „how can moments go so slow?“, wie Brian Eno am Anfang fragte. Es tut gut, wenn jemand ausbricht und zu rennen beginnt, oder wenn Carlos Garbin auf der Bühne ab und an Gitarre spielt und jemand dazu singt. Ich frage mich, wie lange ich zuletzt mit voller Konzentration beobachtet habe? Tatsächlich gab es einige Längen, dennoch bin ich hinterher ganz bei mir. /// Judith Ouwens 

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