Tanzpresse

Performativer Marterpfahl

Jochen Roller zeigt „Blutsbrüder“ in den Sophiensaelen

Foto: Anna Agliardi

(  21.10.17 )

Wen reizt heute noch Karl-May-Lektüre? Wer vertieft sich allen Ernstes in jene Wildwest-Romantik, bei der die Hauptheroen Winnetou und Old Shatterhand in der Phantasie ihrer Fans auf ewig gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten? Der Choreograf Jochen Roller hat für den letzten Teil seiner Trilogie „Finding Germany Elsewhere“ die leicht verschroben wirkende Community der deutschen Hobby-Indianer*innen besucht. Bei jährlichen Treffen in Radebeul und anderswo zelebrieren sie mit großem Willen zum stilechten Requisit ihre Vorstellung vom Leben der amerikanischen Ureinwohner. Zum Einstieg ins Stück flimmert die Videodokumentation über die Außenhaut des Wigwams, das eigens im Festsaal der Sophiensaele aufgebaut wurde. Da lässt etwa ein Herr in Kriegsbemalung wissen: „Von außen weiß, aber im Herzen Indianer zu sein.“ Drinnen im Wigwam wippt schon munter der Schattenriss von Federkopfputz als Einladung. Hinein in Jochen Rollers Zugriff auf das Thema. Und der soll feministisch, dekolonial und queer sein, so verspricht´s der Begleittext. Eigentlich eine radikal erfrischende Idee, Karl Mays klischeeverhangenes Narrativ einmal aus dieser Richtung gegen den Strich zu bürsten.

Die vier Performerinnen Latai Taumoepeau, Ari Hoffmann, Kelly Pineault und Serfiraz Vural, in blutrotem Satin-Outfit und Strass mit reichlich Glamour-Faktor ausgestattet, bitten sozusagen ums Lagerfeuer, ein Plüschrondell, auf dem sie sich genüsslich niederlassen. In Cabaret-Atmo zücken sie den ersten Winnetou-Band und machen sich an die Relektüre, indem sie ausgewählte Passagen vorlesen und in ihrer verschworenen Frauenrunde, gern unterbrochen vom Griff in die Popkorntüte, süffisant kommentieren. Streckenweise ist diese Art des kritischen Aufspießens durchaus unterhaltsam, nur die eurozentristische und kulturchauvinistische Aneignung des Fremden, wie sie einem aus Karl Mays Werk entgegenspringt, ist eben schon in zahlreichen Diskursen hin- und hergewälzt worden. Der Erkenntnishorizont, den „Blutsbrüder“ absteckt, bleibt in der Hinsicht eher flach. Jochen Roller hat dem Stück bis auf wenige Einlagen kaum Tanz gegönnt, aber dafür viel Text verordnet. Dass die vier Ladys in ihrem Lesezirkel mit wohlfeil mitgelieferten Analysen irgendwann steckenbleiben, hat auch damit zu tun, dass das Stück mit fast zwei Stunden eindeutig zu lang geraten ist. Hinter dem ironischen Charme, den die Auftaktarbeit „Trachtenbummler“ in ihrer spielerischen Annährung an Volkstänze versprühte, bleibt der Schlussteil der Trilogie leider weit zurück. /// Annett Jaensch

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