Tanzpresse

Pistolen, Bibeln, Cha Cha Cha

Tanz im August: VA Wölfl/ Neuer Tanz zeigen „von mit nach t: No 2“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Daniel Poensgen

( AJ 21.08.16 )

Stücke von VA Wölfl könnten gut folgenden Warnhinweis tragen: Implicit content! Denn was der mittlerweile 72-jährige Choreograf mit seiner Kompanie Neuer Tanz aus Düsseldorf auf die Bühne bringt, ist immer ein doppelbödiges Spiel mit dem Publikum. Ein Spiel, das permanent nach Entschlüsselung ruft und diese ebenso hartnäckig verweigert. Schnöde, lässig und in der Konsequenz der Ausführung fast schon genial. Aber der Reihe nach. Das Stück „von mit nach t: No 2“ rankt sich um die Erschießung des US-Senators Robert Kennedy im Jahr 1968. Irgendwo zwischen Reenactment und Happening vollführen die Performer*innen ihre Aktionen: Mal spielen sie stoisch Bassgitarre, mal richten sie Pistolen im Anschlag in alle Richtungen des Raums aus oder fackeln Mikrofone an. Der Einsatz von Militaria hat bei VA Wölfl Tradition. So hatten in früheren Stücken bereits Gewehre und aufblasbare Panzer ihren Auftritt. Die Insignien einer gewaltbereiten Welt nimmt Neuer Tanz in seinen Kunstkosmos auf, ohne in den Verdacht zu kommen, auf der Bühne Krieg spielen zu wollen. In der einen Hand die Bibel, in der anderen eine Pistole: Aus dem zentralen Bild, mit dem uns „von mit nach t: No 2“ konfrontiert, grüßt dann auch eher die Verkopplung von Gehorsam und Übertretung.

Wie Objekte eingebunden werden – die halbierte Karosse eines alten Sportwagens rotiert minutenlang im Raum – oder wie das Lichtdesign, angelehnt an die Klaviaturen von Le Corbusier, das Geschehen in monochrome Farborgien taucht: Dem Choreografen ist immer auch der Blick des bildenden Künstlers anzumerken. Wenn das Attentat auf Robert Kennedy anklingt, tragen alle Performer*innen Brautkleider, auf Zeitlupe heruntergebremst friert die Schussszene zu einem entrückten Ballistik-Ballett ein. Und immer wieder heißt es plötzlich Cha Cha Cha, der immer nur kurz aus den Hüften geschüttelt wird. Die performativen Exerzitien von VA Wölfl sind anstrengend, soviel ist gewiss, aber sie sind eben auch eines: hoch anregende Kost mit Bildern, die haften bleiben. Die zeigen, wohin sich Neuer Tanz immer noch wagt. /// Annett Jaensch

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