Tanzpresse

Plot ins Nirgendwo

Tanz im August: Marcos Morau/ La Veronal zeigen „Pasionaria“ im HAU1

Foto: Alex Font

(  17.08.18 )

Mit den Markenzeichen ist es so eine Sache. Sie machen unverwechselbar, führen aber auch stets eine bestimmte Erwartbarkeit im Schlepptau. Wenn der Choreograf Marcos Morau zu einem neuen Stück lädt, kann man sicher sein, dass wieder ein Mahlstrom an Surrealität durch den Bühnenraum spült. So auch bei „Pasionaria“, das nunmehr dritte Gastspiel der katalanischen Compagnie La Veronal bei Tanz im August. Anders als in „Siena“, dem hitchcockartigen Verwirrspiel um eine Tote im Museum, und „Voronia“, dem Abstieg in die tiefste Höhle der Erde als allegorischen Höllenort, dockt Morau dieses Mal nicht an einem konkreten Ort auf der globalen Landkarte an.

Ein Treppenhaus, nüchtern und karg, ist Schauplatz des Geschehens und wird alsbald von seltsam maschinenhaften Wesen in Besitz genommen. Roboterhaft, zum Teil mit Masken vorm Gesicht, ruckeln sie durch die Szenerie. Schnell ist klar: Vor unseren Augen breitet sich die Vision einer (nicht allzu fernen) Zukunft der künstlichen Intelligenzen und des Transhumanen aus. Die prägnante Tanzsprache von La Veronal - blitzschnell knickende Glieder, verdrehte Torsi – wird hier zu einer Art technoiden Bewegungspoesie. Soviel steht fest: Marcos Morau ist ein Meister der atmosphärischen Verdichtung. Hyperreal und filmisch wirkt das Setting. Der stellenweise alarmistisch anschwellende Sound würde dem Spannungsbogen jedes Action-Thrillers zur Ehre gereichen. Die Verbindung zur Außenwelt ist ein Panoramafenster, hinter dem die gesamte Milchstraße vorbeizuziehen scheint und ein riesenhafter Mond auf Kollisionskurs geht.

Bei aller visuellen Perfektion bewegt sich die Dramaturgie im Laufe der 75 Minuten mitunter ein wenig ins Leere, wenn das entseelte Personal unentwegt treppauf treppab wandelt, in bizarrer Geschäftigkeit mysteriöse Pakete hin- und herträgt und die Interaktion sich in puren Posen verliert. Aber genau das mag Moraus zentrale Botschaft sein: Menschsein verknüpft sich mit Wünschen, Träumen, Leidenschaften. „Pasionaria“ ist in der Hinsicht eine entkernte Zone. Auch das ist ein Markenzeichen von Marcos Morau: eine gehörige Portion Hintersinn. /// Annett Jaensch

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