Tanzpresse

Politische Körperlichkeit

Grupo Oito mit „Perception“ im Hoftheater Kreuzberg

Foto: Kathleen Kunath

( JW 11.02.12 )

Ricardo de Paula bringt mit seiner Company Grupo Oito physisches Tanztheater mit politischer Botschaft auf die Bühne. Eine derzeit seltene, und daher um so bewegendere Kombination. Grupo Oito zeigt, dass sich eine politische Stellungnahme und eine kraftvolle, dynamische Körperlichkeit im Stil von Ricardo de Paulas geprägter Bewegungssprache „Get Physical“ nicht ausschließen müssen. So lässt sich die Produktion auf mehreren Ebenen lesen, bedingt auch durch die verschiedenen Medialitäten, die zum Einsatz kommen. Neben den für sich sprechenden Körpern, die Gewalt, Bestrafung und Formen der Disziplinierung sichtbar werden lassen, spielt die Inszenierung mit Tätowierungen als in die Körper eingeschriebene Wahrnehmung. Sound, Musik sowie Sprache und Video unterstützen die konkret politische Ebene. Ausgangspunkt waren nicht nur die verschiedenen Nationalitäten der Performer, die auch jeweils in ihrer Muttersprache zu Wort kommen, sondern auch prägnante politische Ereignisse aus jüngerer Vergangenheit, wie etwa die zur Steinigung verurteilte Iranerin Sakineh Mohammadi e Ashtiani, Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sowie die Koranverbrennung des Predigers Terry Jones. Der Verweis auf Foucaults´ Werk „Überwachen und Strafen“, das schon selbst einen direkten Zusammenhang zum Körper herstellt, lässt sich explizit in den tanzenden Körpern lesen. Die von Foucault als „gelehrige Körper“ bezeichneten Körper agieren in „Perception“ ebenfalls gemäß Foucault als objekthafte Marionetten und werden eins mit den Gesten, die sie darstellen. Mit jener Lektüre im Hinterkopf erschließt sich auch die episodenhafte Gestaltung der Choreografie mit sehr verschiedenartigen Abschnitten. Die Reduktion des Körpers auf reines Funktionieren innerhalb einer Gesellschaft illustriert sich in den kraftvollen, synchronen Sequenzen, die mit simplen sich häufig wiederholenden Gesten arbeiten. Dem gegenüber stehen virtuose sehr physisch-akrobatische Phrasen, oft als Duette oder Soli, die schon allein beim Zuschauen die Idee gewaltsamer Disziplinierung des Objekts Körper aufkommen lassen. Mit einer Verbindung von zeitgenössischem Tanz, Elementen des Capoeira und Schauspiel entwirft die Performance dynamische Bildsprünge einer politischen Körperlichkeit. (Juliane Wieland)

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