Tanzpresse

Raue Energie

Tanz im August: Compagnie Marie Chouinard mit „Soft virtuosity, still humid, on the edge & Henri Michaux : Mouvements“ im Haus der Berliner Festspiele

Szene aus „Soft virtuosity, still humid, on the edge“; Foto: Nicolas Ruel

(  21.08.15 )

Wie in einem Schleudersitz. So in etwa fühlt es sich an, ein Stück von Marie Chouinard zu sehen. Das hat mit der rauen Energie zu tun, die die kanadische Choreografin auf der Bühne entfesselt und das Geschehen immer wieder in neue Richtungen katapultieren lässt. Extreme Körperbilder sind das Markenzeichen der inzwischen 60-Jährigen aus Québec. Wie sie in „Body Remix/ Goldberg Variations“ (2005) ihre TänzerInnen mit Krücken und Plastikbandagen agieren ließ, wirkte gleichermaßen verstörend wie betörend. Auch ihr neuestes Stück „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ tastet den Körper jenseits des Normativen ab, Deformationen und Versehrtheit inbegriffen. Buckelnd, hinkend, so kreuzen an einer Stelle die TänzerInnen immer wieder die Bühne. Sie scheinen rastlos auf der Suche, nervös flirrende Partikel eines größeren Ganzen zu sein.

Chouinard zieht für ihre Daseinsschau einen visuellen Rahmen auf, der dem Publikum eine ungewohnte Perspektive darbietet. Eine wie sie sonst nur im Film oder beim Betrachten eines Gemäldes möglich ist. In riesenhafter, leicht zeitversetzter Projektion werden die Gesichter der TänzerInnen auf der Bühnenrückwand ganz nah herangeholt. In einer quälend langsamen Szene bewegt sich der Pulk von links nach rechts, jeder Blick, jeder Schweißtropfen geht ein in dieses Panoptikum menschlicher Regungen. Dazu dräut der Sound von Louis Dufort gefährlich, malmt und schabt, als würde ein Auto in Zeitlupe gegen die Wand fahren. Unschwer zu deuten, dass sich hier das Individuum gegen die Unbilden des Lebens stemmt.

Auch das zweite Stück des Abends springt die Sinnesreize frontal an. In „Henri Michaux : Mouvements“ (2011) lässt Chouinard den gleichnamigen Gedichtband Seite für Seite vertanzen, inklusive Tuschezeichnungen und Nachwort. Von der Droge Mescalin befeuert hatte der belgische Surrealist Michaux im Jahr 1950 auf rund 65 Seiten wild wuchernde Bewegungsskizzen ausgebreitet. Während die einzelnen Seiten über die Bühnenrückwand huschen, beugen sich die Tänzerkörper tief hinein in die Imitation der fließenden Formen. Bei jedem neuen Motiv fragt man sich, was die Akteure aus sich herausschütteln in diesem spielerischen, wilden Ritt durch die Gefilde der bildenden Kunst. Im Stroboskoplicht – das Buch ist beim Nachwort angelangt – zuckt das Ensemble schließlich zum Finale. Cut, Dunkelheit, Applaus. Marie Chouinard feiert in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen ihrer Compagnie. Dass ihr die Energie noch lange nicht ausgeht, ließ sich beim Abstecher zu Tanz im August begutachten./// Annett Jaensch

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