Tanzpresse

Reise ins deutsch-jüdische Niemandsland

Jochen Roller und Saar Magal mit „Basically I don´t but actually I do“ in den Sophiensaelen

Foto: Dieter Hartwig

( AJ 29.04.09 )

Was verbindet man mit dem Ausziehen von Schuhen? Erst mal nichts Besonderes. Wenn jedoch eine Israelin und ein Deutscher zusammen ein Stück bestreiten und ihr Publikum zu Beginn darum bitten, alle Schuhe abzulegen und als bizarre Sammlung von Habseligkeiten am Bühnenrand zurückzulassen, dann setzen sich Assoziationsketten in Gang, die beim Holocaust enden. Ausgangspunkt für die choreografische Arbeit von Magal und Roller war ein Foto, auf dem ein SS-Mann eine jüdische Frau erschießt. Was, wenn diese Personen Oma Magal und Opa Roller gewesen wären? Zwei Generationen später erkundet das Duo, wie viel von der belasteten Vergangenheit ins Jetzt abstrahlt und sogar ihre Identität als Tänzer erreicht. Tanzbewegungen, die aller Ideologie unverdächtig sind, lassen sich je nach Perspektive umdeuten. Ein ausgestreckter rechter Arm sieht plötzlich aus wie ein Hitlergruß und ein intensiv getanztes Duett lässt Gesten der Dominanz und Unterwerfung erkennen. Die beiden, die im Laban Centre London miteinander Bekanntschaft machten, entwickeln Bilder, die vollgesogen sind mit Mehrdeutigkeiten. Wie etwa bei dem kindlich wirkenden Fangspiel zu Beginn, das in harsche Verfolgung umschlägt oder beim ständigen Kleiderwechsel in den symbolträchtigen Farben Gelb und Braun. Das Publikum, ebenerdig um die Spielfläche verteilt, ist ebenfalls Teil der Inszenierung – mal wird es zum Aufstehen aufgefordert, mal durchgezählt und mal berochen. So lässt sich nachempfinden, wie es sich anfühlt, plötzlich zu einer Gemeinschaft zu zählen, die zum Objekt der Willkür wird. Roller und Magal erreichen eins ganz sicher durch ihr konzentriertes Spiel: Der Abend geht nah und vibriert nach.

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