Tanzpresse

Rollenwechsel

Performing Arts Festival: Christoph Winkler/ Ahmed Soura zeigen „Hauptrolle“ im Ballhaus Ost

Foto: Dieter Hartwig

(  26.05.16 )

Verheißungsvoll schimmert der tiefrote Vorhang im Spotlight. Keine Frage, so kündigt sich der ganz große Auftritt an. Mit diesen theatralen Zutaten justiert der Choreograf Christoph Winkler gleich zu Beginn seiner Produktion „Hauptrolle“ die Erwartungshaltung zwischen Ironie und Ernst. Hinter dem Vorhang schlüpft Ahmed Soura hervor und beginnt, die Geschichte eines jungen Mannes aus Burkina Faso zu erzählen. In märchenhaftem Plauderton berichtet er von einem, der früh die Liebe zum Tanz entdeckt, der eine Ausbildung beim Nationalballett in Ouagadougou absolviert, zu Christoph Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt stößt, mit dessen Stück „Via Intolleranza II“ durch Europa tourt und schließlich für die Kunst zwischen den Kontinenten pendelt. Es ist seine eigene Vita, die Soura hier ausbreitet und in der Frage münden lässt: Was ist eigentlich los an deutschen Theatern? Denn egal, wo er sich hierzulande vorstellte, er sei der einzige dunkelhäutige Darsteller gewesen. Die mangelnde Diversität im Besetzungskarussell deutscher Theater ist es also, die Christoph Winkler unter die Lupe nimmt. Wovon Soura auf der Bühne des Ballhauses Ost erzählt, deckt sich mit den Beobachtungen von Murali Perumal. Im Jahr 2013 schrieb der in Bonn geborene Schauspieler mit indischen Wurzeln einen offenen Brief, in dem er deutlich machte, wie eingeschränkt die Rollenauswahl an deutschen Bühnen für Akteure mit sichtbarem Migrationshintergrund nach wie vor sei. Warum sind eigentlich ein indischer Hamlet oder ein türkischer Faust so schwer vorstellbar? Christoph Winkler entwirft mit „Hauptrolle“ ein Versuchsfeld, das die Möglichkeiten für migrantische Darsteller abtasten will. Dafür wird tief in den Fundus der deutschen Hochkultur gegriffen: Siegfried, Faust und Woyzeck sind die Figuren, denen sich der Solist aus Burkina Faso nähert.

Dass der Rückgriff auf die alten Schlachtschiffe des Dramenkanons wohltuend unpathetisch ausfällt, liegt am lockeren Zuschnitt der Inszenierung, die häufig mit Ineinanderblendungen spielt. Denn Soura stülpt sich nichts über, sondern fahndet vielmehr nach kulturellen Schnittstellen und zeitgemäßen Anknüpfungen. So stellt er etwa dem Nibelungenhelden Siegfried die afrikanische Legende des Löwenkönigs Soundiata Keïta gegenüber oder erkundet den Faust´schen Kosmos mit einem Rap auf Margarete. Tänzerisch überzeugt Soura mit einem Amalgam aus zeitgenössischem Vokabular, Zitaten afrikanischer Tänze, Breakdance und Krump. Geschmeidig, kraftvoll und gleichzeitig geerdet fabuliert sein Körper entlang der angedeuteten Geschichten. Ein wenig verschenkt hingegen wirkt der Versuch, andere Diskursansätze zum Thema Migration aufscheinen zu lassen. Der Ausschnitt eines Interviews vom Band bringt den Regisseur Nuran David Calis und seine Woyzeck-Adaptation ins Spiel. Hochgelobt im Büchnerjahr 2013 hatte der die Handlung nach Berlin Wedding verlegt, Kulturenclash inklusive. Leider verschwimmt im Fernsehgeschnatter mit den Machern an der Stelle die thematische Kontur, Soura derweil ein wenig verloren tanzt. Am Ende ist das Stück mit seiner Botschaft wieder ganz bei sich, als Soura Fragmente aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ vorträgt. „Ich bin nicht Hamlet, ich bin ich. Ich spiele keine Rolle mehr.“ Dass den Zeilen ein doppelter Boden eingezogen ist, wird nach den gut 60 Solominuten nur zu deutlich./// Annett Jaensch

Vorstellungen: 29. Mai um 21 Uhr, 2. und 3. Juni jeweils 20 Uhr im Ballhaus Ost

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