Tanzpresse

Sonne und Schatten

Staatsballett zeigt „Sunny“ von Emanuel Gat in der Volksbühne

Foto: Jubal Battisti

(  13.01.20 )

Der Blick verhakt sich schon am Eingangsbild. Da flaniert eine opulent ausstaffierte Gestalt, halb Schamane, halb Urzeittier frontal gen Publikum. Eine Umarmung des Unbekannten, eine Art animistische Weihe für 60 Minuten zeitgenössischen Tanz? Von allem etwas, denn der israelische Choreograf Emanuel Gat liebt die konzeptuelle Doppelbödigkeit und das Experiment. Das Stück „Sunny“ hat er erstmals 2016 vorgelegt, auch bei Tanz im August war bereits eine Version zu sehen. Was das Staatsballett nun als dynamisches Gebilde in die Volksbühne geworfen hat, ist erneut ein anderer Zugriff auf das Material. Material, mit dem Gat den neun Tänzer*innen viel Impro-Freiheit, aber auch kompositorische Verantwortung gibt. Sie zelebrieren, wie sich Tanz in Echtzeit zusammensetzen lässt, was jede Aufführung zu einem Unikat macht. Das Verhandeln und Ineinandergleiten von Interaktionen, in „Sunny“ ergibt es ein flirrendes Miteinander, das selbst die abruptesten Brüche folgerichtig aussehen lässt. Ein wichtiger Motor in dieser intensiven Melange: die Musik von Awir Leon, selbst langjähriger Tänzer bei Gat und nun Komponist. Fetzen von „Sunny“, dem berühmten Soul-Song von Bobby Hebb, treiben zu Beginn durch den Raum, versprengen sich analog zum Tanz aber schnell in andere Motive. Individualität und Schwarmgedanke, Hochgefühl und Absturz: „Sunny“ lässt sie verwirrend elegant schimmern, die Gegensätze. /// Annett Jaensch

< Harmonien, entwoben