Tanzpresse

Stahlbad der Kontraste

Festival Foreign Affairs: Hofesh Shechter Company mit „barbarians“ im Haus der Berliner Festspiele

„tHE bAD“, Foto: Gabriele Zucca

(  10.07.15 )

Wie sagt man so schön: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Im Fall von Hofesh Shechter ist das reichlich Bühnennebel, der schon vor der Vorstellung das Haus der Berliner Festspiele umwabert. Der israelische Choreograf kreiert in seinen Stücken gern eine Atmosphäre wie in einem Hochdruckkessel und sticht dabei in Themenkomplexe, die Fragen zu Politik und Gemeinschaft brisant spiegeln. Das düster-flamboyante Spektakel „Political mother“ etwa kreiste um Mechanismen der Macht und Manipulation, das doppelbödige, fast possenhafte „Sun“ wiederum strickte Shechter mit Anspielungen auf die Kolonialgeschichte um eine zentrale Botschaft: Das Leben auf der Sonnenseite hat in dieser Welt immer einen Preis, vor Jahrhunderten genauso wie heute.

Nun also lässt Shechter die „barbarians“, die Barbaren los. Ein Schelm, der Kulturpessimistisches dabei denkt. Kalte Lichtkegel stanzen im ersten Teil dieser Trilogie die Konturen der TänzerInnen aus. Dazu donnert Industrial noise. Einen sekundenkurzen Lichtwechsel später zirkelt sich der Trupp zu Barockmusik über die Bühne. Rabiate Brüche zelebriert Shechter mit Vorliebe, dieses Mal wirkt das Arrangement jedoch auf unbestimmte Weise richtungslos, unentschlossen. Eine Frauenstimme aus dem Off lässt Sätze ertönen wie „You are not alone.“ Der Pulk wiederholt´s militärisch gehorsam. Verfertigung von Gemeinschaft kann auch im zweiten Teil „tHE bAD“ beobachtet werden. Fünf TänzerInnen in goldschimmernden Latexanzügen pumpen in stupender Vehemenz ihre Leiber durch den Raum, funktionieren als eine pulsierende Einheit. Ekstase, Disziplinierung bis hin zum aufständischen Ausbrechen, das alles wird sichtbar und zeigt, wie intensiv Shechter Fragen von Gruppendynamiken abtastet.

Die größte Überraschung des Abends bietet sicher das Duett „Two completely different angles of he same fucking thing“. Kein ritualisierter Gruppenzauber, nur eine Frau und ein Mann. Winifred Burnet-Smith und Bruno Guillore – kurioserweise in bayrischer Lederhose – umgarnen sich anfangs, doch bald wird klar, dass dieses Paar sich aneinander abarbeitet, verletzlich, manisch, unnachgiebig. Die seltsame Unwucht, das Kantige aus den zwei vorhergegangenen Teilen löst sich plötzlich auf, wenn Shechter alle Akteure auf die Bühne holt und die Ebenen miteinander verblendet. Was Hofesh Shechter zum Ausnahmechoreografen macht, ist der unbedingte Wille zum Experiment und zur Weiterentwicklung. Wieder ein Stück im Stil von „Political mother“ oder „Sun“ zu machen, das hätte ihn gelangweilt, wie er in einem Interview im Festivalvorfeld angab. An der Suchbewegung lässt er sein Publikum teilhaben. „Hofesh, what are you doing?“, fragt an einer Stelle die Stimme aus dem Off. „Ich suche nach etwas Reinem, Unschuldigen“, lässt Shechter wissen. Es bleibt dabei offen, ob er hier eine weitere inhaltliche Nebelkerze wirft oder tatsächlich seine Kreativbeichte ablegt. Man darf jedenfalls gespannt sein, wohin die Reise geht. /// Annett Jaensch

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