Tanzpresse

Tanz auf Trümmern

Das Tanztheater Wuppertal zeigt „Palermo Palermo“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Jochen Viehoff

(  22.12.16 )

Der erste Blick prallt auf eine graue, den gesamten Bühnenraum füllende Steinmauer, wenige Atemzüge später kracht sie nach hinten: ein Einstieg wie ein Paukenschlag. Damals im Dezember 1989, als „Palermo Palermo“ uraufgeführt wurde, lag für viele ein Verweis auf den Mauerfall nah. Die Idee war Pina Bausch und ihrem Bühnenbildner Peter Pabst jedoch lange vor dieser politischen Zeitenwende gekommen. 27 Jahre später sitzt man im Dunkel des Zuschauerraums und fragt sich, wie wohl das Stück im Heute wirkt, wie die Kompanie nach dem Tod von Pina Bausch im Jahr 2009 das Erbe weiterträgt, ohne in die Musealität zu driften. Schnell verfliegen diese Gedanken, denn das Ensemble wischt sie mit seinem intensiven Spiel ohne Umschweife fort. Über das Trümmerfeld der gestürzten Mauer hasten, stöckeln, stolpern sie, das Tempo des Lebens einfangend oder hinter ihm zurückbleibend.

„Palermo Palermo“ atmet die Eindrücke, die Pina Bausch 1989 bei einem Aufenthalt mit ihrer Kompanie auf Sizilien eingefangen hat. Die große Gefühlserkunderin, die ihre Stücke stets zusammen mit ihren Tänzern entwickelte, hat hier einen Bilderstrom aus Alltagsszenen und Begegnungen montiert, der wie unter einem Brennglas Freud und Leid der menschlichen Existenz offenbart. Ein besonderes Sehvergnügen ist es, einige der langjährigen Ensemblemitglieder zu erleben, die mit ihrer künstlerischen Reife dem Stück Tiefe verleihen. Oder Skurrilitäten spazierenführen. Etwa wenn Andrey Berezin als lässiger Outsider im Campingstuhl Fleisch auf dem Bügeleisen brutzelt oder Nazareth Panadero in ein grandios groteskes Zwiegespräch mit einer Packung Spaghetti einsteigt. Am Ende, wenn die 26 Tänzerinnen und Tänzer Arm in Arm, einen Apfel auf dem Kopf balancierend auf das Publikum zuschreiten, kristallisiert sich in der Szene noch einmal der Zauber des Tanztheaters von Pina Bausch. Momente, fragil und berührend./// Annett Jaensch

Ausstellung „Pina Bausch und das Tanztheater“ noch bis zum 9. Januar 2017 im Martin-Gropius-Bau

Mehr Infos: www.berlinerfestspiele.de

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