Tanzpresse

Jedem Anfang

Das Staatsballett zeigt „Celis | Eyal“ in der Komischen Oper

Szene aus „Half life“, Foto: Jubal Battisti

(  28.09.18 )

Dass jedem Anfang stets ein Zauber innewohnt, hält dem Realitätstest nicht immer stand. Im Fall des Staatsballetts durfte man sich anlässlich des Spielzeitauftakts dann doch die Augen reiben. Nach den monatelangen Querelen um den vorzeitigen Abgang von Nacho Duato und die neue Doppelspitze Johannes Öhman und Sasha Waltz ging von dem Abend „Celis | Eyal“ etwas geradezu Kathartisches aus. Öhman, der bis 2019 die Geschicke des Staatsballetts allein lenkt, wählte für seinen Einstand zwei Gastchoreografien, die viel zeitgenössischen Wind durch die Komische Oper wehen ließen. Den Anfang macht „Your passion is pure joy to me“ von Stijn Celis. Zur Musik von Nick Cave, Pierre Boulez, Krzysztof Penderecki und dem Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba schreiben sieben Tänzer und Tänzerinnen Soli und Gruppenszenen in den puristischen, allein von den schwarzen Brandmauern der Bühne begrenzten Raum. Lässig, in Jeans und T-Shirt fast privat wirkend, machen sie den Halbstünder zu einer elegant-elegischen Studie eines diffus durchschimmernden Weltschmerzes.

Auf den wohltemperierten Anfang folgt dann die Entgrenzung, musikalisch und tänzerisch. Bei der israelischen Choreografin Sharon Eyal ist Tanz ein Energiezustand, ist hochtouriges, roh pulsierendes Material. Stücke von ihr und ihrem künstlerischen Partner Gai Behar sind oftmals Reflexionen über das Verhältnis von Kollektiv und Individuum. Auch „Half life“ spielt effektvoll mit der Aura der Masse. Der hypnotisch treibende Technosound von Ori Lichtik saugt hinein in die Inszenierung des kontrolliert Unkontrollierten. Eingangs lenkt ein Duo, in stoischem Loop gefangen, die Blicke auf sich. Sie, Danielle Muir, marschiert unermüdlich als seltsam verkrümmtes Ausrufezeichen auf der Stelle. Er, Johnny McMillan, lässt seinen Unterleib im Rhythmus der Bässe vorschnellen. Sie sind Taktgeber für die elfköpfige Gruppe, der sich wenig später auf die Bühne schiebt. Wie ein Herzmuskel pocht der Pulk, ist eins und hat dennoch Raum für Verschiebungen und Facetten. Bis an den Rand der Verausgabung zelebrieren die Tänzer und Tänzerinnen das rauschhafte Miteinander. Jubel und Standing Ovations gab es dafür. Verdientermaßen. /// Annett Jaensch

5./ 10. Oktober 2018 + weitere Termine im Dezember 2018 und Januar 2019, https://www.staatsballett-berlin.de

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