Tanzpresse

Tanz in den Abgrund

Hofesh Shechter zeigt „Grand Finale“ im Haus der Berliner Festspiele

Foto: Rahi Rezvani

(  08.10.18 )

Eins lässt sich beim besten Willen nicht über Hofesh Shechter sagen: Dass er mit filigranem Besteck inszeniert. Laut, kraftstrotzend und der Gesellschaft einen Spiegel vorhaltend, so legt der in Isreal geborene und mittlerweile in London lebende Choreograf seine Stücke an. Auch „Grand Finale“, schon im Titel schwingt der Showdown mit, setzt auf die Prinzipien der ästhetischen Überwältigung. Mit Vorliebe seziert Shechter die Konfliktlinien von Herrschern und Beherrschten, findet für Machtgefälle prägnante tänzerische Chiffren. In seiner neuesten Arbeit jedoch erscheinen die neun Tänzer und Tänzerinnen als Schicksalsgemeinschaft, deren Kämpfe schon ausgefochten sind, die im apokalyptischen Taumel sehenden Auges auf den Abgrund zusteuern. Drohend monolithisch erheben sich schwarze Wände im Bühnenbild - herausragend designed von Tom Scutt – die immer wieder neu arrangiert werden, mal Mauerelemente sind, mal alkovenartige Zuflucht.

Eruptive Ausbrüche mit peitschenden Armen und pumpenden Körpern wechseln mit sanfteren Passagen. Mittendrin sechs Musiker, die an die Bord-Kapelle der sinkenden Titanic erinnern: Gespielt wird bis zum Schluss. Einen wilden Mix gibt es auch dieses Mal auf die Ohren. Zu eingespielter harter Percussion gesellen sich live gespielte Auszüge aus Werken von Franz Lehár und Piotr Tschaikowski. Am Ende des ersten Teils fließt Shechters gewiefter Eklektizismus zu einer Schlüsselszene zusammen: Zu Walzerklängen aus „Die lustige Witwe“ und vom Bühnenhimmel sinkenden Seifenblasen dreht sich ein Quartett von Paaren. Die Männer schwenken und schleifen dabei die leblosen Körper der Frauen herum. Ein „danse macabre“, rührend und zugleich qualvoll anzuschauen. Im zweiten Teil nimmt das Geschehen eine andere Tönung an. Entfesselt in Feierlaune tobt die Meute über die Bühne. Im Rausch vergessen, das scheint das Motto des Moments, doch auch der ist mit Getriebenheit grundiert. Der Deutungshorizont von „Grand Finale“ pendelt sich wie bei Hofesh Shechter nicht anders zu erwarten bei beißender Gesellschaftskritik ein: hundert Minuten Schlaglicht auf eine von sich selbst und der Komplexität der Welt überforderten Gemeinschaft, die den Untergang vor Augen hat und trotzdem weitermacht. Die Taumelnden auf der Bühne. Das sind letztlich wir. /// Annett Jaensch

< Jedem Anfang