Tanzpresse

Tanzende Erinnerungen

Lena Meierkord mit „shrink“ & Renate Graziadei mit „Rückwärts“ im DOCK 11

Foto: Dieter Hartwig

( JW 10.08.12 )

Renate Graziadei setzt sich in „Rückwärts“ explizit mit der eigenen körperlichen Erinnerung auseinander. Die Performerin besticht in ihrem Solo mit einer enormen Präsenz und Präzision in der Bewegungsdramaturgie. In der Komposition aus Licht, Musik und Tanz in physischer, organischer und höchstdynamischer Ausprägung verzaubert sie ihre Zuschauer. Raumgreifende Bewegungen treffen auf Spiralen und ein Spiel aus Linien und Raum. Die Komposition aus Bewegung und Musik erscheint unwahrscheinlich komplex und klar zur gleichen Zeit, Impulse kommen aus mehreren Körperteilen gleichzeitig und finden so flüssige, oft releasebasierte Übergänge, so dass sich die Produktion zu einem großen, stimmigen Ganzen verbindet. Ruhige kontrollierte Momente wechseln mit explosionsartigen, sich ineinander verwirbelnden Bewegungen und spannen so einen dramaturgischen Bogen, so dass man diesem persönlichen Einblick in einen sich erinnernden Körper noch lange beiwohnen möchte. „shrink“ hat sich das Thema der Bewegungsdekonstruktion zum Gegenstand genommen. Beobachtet wurden die Zwischenräume, die in einem plötzlichen Aussetzen sichtbar werden, um die vermeintliche Zielgerichtetheit von Bewegung zu hinterfragen. Inmitten der Geräuschkulisse eines monotonen Rhythmus’ einer antiquarischen Geräuschquelle wird das immer wiederkehrende Aussetzen der Maschine durch Bewegung illustriert. Durch Überlagerung und plötzliche Unterbrechung von Bewegung, Rhythmus und Fluss entsteht ein Netz aus gegenläufigen Bewegungsbahnen, die im scheinbaren Kontrast zur Flamencomusik stehen, die den folgenden, größeren Teil der Performance begleitet. Hier treffen Formen, Formalisierungen und die Suche nach einer Freiheit in der Bewegung aufeinander. Ein reduzierter Bewegungsradius nah am eigenen Körper der Performerin, klare Raumausrichtungen und ein Spiel mit alltäglichen Bewegungen bestimmen die Bewegungssprache. Die eher konzeptionelle Untersuchung der Auswirkung von Impulsen und das Sichtbarmachen der Übersetzungsschritte von einem Körperteil auf ein anderes verschmelzen mit einem Bewegungsfluss, der sich zunehmend der Phrasierung des Flamencos annähert. (Juliane Wieland)

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