Tanzpresse

Tanzlust

Jérôme Bel zeigt „Gala“ beim FAVORITEN Festival 2016 in Dortmund

Foto: Andreas Endermann

( JO 30.09.16 )

Auf einer Leinwand hinten im Bühnenraum bekommen wir eine Diashow mit verschiedenen Bühnensituationen zu sehen, vom Amphitheater über ornamentverzierte Opernbühne bis hin zum Kreis von Plastikstühlen auf der Wiese. Alles Spielarten desselben. Danach fährt der schwarze Vorhang an der Rückwand zu, bleibt hängen und ruckelt, bestimmt war das so geplant, denn es passt so gut in die Unperfektion des Abends. Eine Darstellerin betritt die Bühne, sie stellt ein Schild auf, darauf steht „Ballett“, sie geht in die Bühnenmitte, dreht etwas unbeholfen eine Pirouette und geht ab. Jeder der 14 Darsteller kommt nun einzeln und dreht eine Pirouette. Es ist eine diverse Truppe, alle Altersklassen sind vertreten, Menschen jeder Hautfarbe und jeder Körperform sind dabei. Als nächstes versuchen sie sich einzeln an Spagatsprüngen, dann wird eine neue Tafel platziert: „Walzer“. In Paaren walzen sie über die Bühne und das Publikum taut langsam auf. Darauf folgt: „Improvisation in Stille - alle - 3 Minuten“. Einige stürzen sich mutig in die Aufgabe, andere halten sich lieber hinten auf, die Persönlichkeiten werden sichtbar. Als sie dann wieder einzeln zu „Billie Jean“ im Moonwalk die Bühne überqueren, bekommt jeder Szenenapplaus. Manche trauen sich etwas mit dem Publikum zu spielen, sie genießen ihre Zeit auf der Bühne sichtlich. Sie verbeugen sich. Zum Schluss kommen aber noch individuelle Parts, ein*e Darsteller*in tritt nach vorne und beginnt etwas, alle dahinter machen so gut wie sie können mit. Da warten einige Überraschungen auf uns, eine Dame geht aus der Yogaübung plötzlich in den Spagat, ein älterer Herr legt eine flotte Rumba aufs Pakett, eine Jugendliche flippt zu Taylor Swift aus und ein Junge mit Downsyndrom formt Herzen mit den Fingern und dreht sich ausgelassen zu „Fireworks“ von Katy Perry. Es ist ein Abend voller Freude und Tanzlust. Eine Gala für die Darsteller, ein Fest für die Unterschiede und die Potenziale der Bühne. /// Judith Ouwens 

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