Tanzpresse

Unter Beobachtung

Wiederaufnahme: Ricardo de Paula/ Grupo Oito mit „Part of you“ im Ballhaus Naunynstraße

Foto: Dieter Hartwig

(  25.10.15 )

Es beginnt mit einem schallenden Applaus. Rhythmisch anfeuernd kommt er von den Performern selbst, das Publikum hat in der Mitte der Spielfläche Platz genommen und ist noch etwas unentschlossen, ob es in die Ad-hoc-Euphorie einsteigt. Schnell wird klar: Der Pulk der Zuschauer soll sich in diese Versuchsanordnung einbezogen fühlen. Blicke treffen sich, man sortiert die Sichtachsen, sucht die Akteure, die das Viereck permanent umkreisen. Wer beobachtet wen? Was passiert in diesem animierten Wimmelbild? Es ist ein adäquates Setting, das sich der Choreograf Ricardo de Paula für seine neueste Produktion „Part of you“ ausgedacht hat. Es geht um allgegenwärtige Kontrolle, um das moderne Individuum, das überall digitale Spuren hinterlässt. Die Kehrseite des bequemen technisierten Lebens mit Google & Co. – die Preisgabe privater Daten – wird dabei gern ignoriert. Selbst Überwachungsskandale haben bisher nichts an diesem Laisser-faire ändern können.

Wie in einem Hamsterrad umrunden die sechs Performer das Karree der Zuschauer. Mal geben sie die Smartphone-Zombies, sklavisch am Display hängend. Dann wieder stürmen sie vorwärts und nehmen rasant alles mit, was das Interieur des Ballhauses Naunynstraße zu bieten hat. Da wird über Wandvorsprünge gespurtet oder plötzlich wächst neben einer echten Säule eine menschliche. Jäh verschwinden alle in kleinen Kabinen, stilisierte Inseln der Privatheit, doch auch hier – wen wundert´s – schaut ein Kameraauge zu. Ricardo de Paula, der die Grupo Oito im Jahr 2006 in Berlin gründete, leuchtet mit Vorliebe den Körper in seiner politischen Dimension aus. So fragte er in „Dance for Sale“ (2010) nach dem Wert des Tanzes oder goss in „Sight“ (2012) die wahre Geschichte der Brasilianerin Estamira, die freiwillig auf einer Müllhalde lebte, in eine Inszenierung. In „Part of you“ hält er dem Zeitgeistphänomen, immer und überall online sein zu wollen, einen Spiegel vor.

Aus den Szenen schälen sich Momente heraus, die das aufmerksamkeitsheischende Dauerrauschen in den sozialen Netzwerken zu parodieren scheinen, etwa wenn Natalie Riedelsheimer sich auf ihrer Kabine im Scheinwerferlicht räkelt oder Laura Alonso erst überschwänglich von ihren Kollegen mit Küssen bedacht wird und schließlich schnöde am Boden liegen gelassen wird. Während das Tanzkollektiv seine Bahnen zieht, flimmert über die Wände eine Videocollage, die Bilder von Überwachungskameras ineinanderblendet. Auch wenn sich stellenweise der dramaturgische Fokus im visuellen Überangebot ein wenig verliert, überzeugt die Arbeit doch mit klugen Einsichten in die Thematik und einem hochenergetisch spielenden Ensemble. Nach den 60 Minuten verbeugen sich nicht die echten Darsteller, sondern es sind ihre gefilmten Köpfe, die von der Leinwand lächeln. Kein anderer Realitätsfilter hätte am Ende besser passen können. /// Annett Jaensch

Vorstellungen vom 28.10. bis 31.10.2015 jeweils 20 Uhr im Ballhaus Naunynstraße http://www.ballhausnaunynstrasse.de/

 

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