Tanzpresse

Verdorrte Gefühle

Clébio Oliveira mit „Tiefsee“ im DOCK 11

Foto: Dulcineia Gomes

(  29.10.15 )

Es ist nicht einfach, sich eine Sucht einzugestehen. Noch komplizierter aber ist, emotionale Abhängigkeiten zu identifizieren. Diese lauern, so der brasilianische Choreograf Clébio Oliveira, in der Tiefsee des Unterbewussten, an einem Ort, wo beängstigende Wesen unsere Gefühle – Angst, Liebe, Abneigung – verkörpern. Dieser Ort wird auf der Bühne zu einem Haus bzw. Zimmer transformiert, ein sehr geglücktes Bühnenbild hat hier Caroline Forisch erdacht. Das Haus hat Fenster, Tische, Stühle, Schränke und Kommoden und ganz wichtig – auch Pflanzen. Dürre, halbverwelkte Exemplare, stachelig wirkend, sind auf drei großen Tischen im Zentrum des Zimmers platziert. Dieses Gestrüpp mag Sinnbild sein für den Irrgarten der inneren Gefühle. Meistens sind es solche, die für uns kontraproduktiv wirken und die wir leider nicht über Bord werfen können, also nicht loslassen wollen. An diesen Gefühlen halten sich auch die vier Tänzer Sergio Verano, Valentina Migliorati, Marie Theres Zechiel und Clébio Oliveira fest. Sie fesseln sich nackt an Stühle, erzählen Eifersuchts- bzw. Besitzgeschichten, werden aus starker Liebe zur Last für den anderen, üben Abhängigkeitsdressur aus, manipulieren die anderen und merken dabei aber nicht, dass sie auch von anderen manipuliert werden.

So entstehen starke, energiegeladene Bilder, welche Oliveira wie ein Dokumentarfilmer vor Augen führt. Es ist spannend zuzusehen, wie sich die Körper verkrampfen, in sich schrumpfen und ständig zu Boden stürmen – ja, klare Merkmale eines seelischen Missbrauchs signalisieren, welche vom Verstand jedoch komplett ignoriert werden. Ein paar schwache Momente tauchen auf, wenn die Eifersuchtsgeschichten, erzählt von Zechiel, zu lange und zu geradlinig wirken, oder wenn die meisten Szenen in der klassischen Mann-Frau-Beziehung (eher ungewollt) landen. Die Szenen wirbeln und werden gebremst, unterstützt vom Soundteppich des Komponisten Matresanch, bis zum finalen Akt. Da gelingt es Migliorati, die Wurzeln emotionaler Abhängigkeiten zu erreichen und so die gespenstigen Pflanzen zusammen mit der Pflanzerde als Nährmittel wegzutreten. Die Botschaft von Oliveira wird fassbar – alle Abhängigkeiten kommen von der Kindheit her, aber sobald man diese bekämpft hat, sollte man die Tür des inneren Hauses ganz fest zumachen. Ein schwieriges Thema, düstere Bilder und starke Erlebnisse – eine Tiefsee der Berührung! /// Ingrida Gerbutaviciute

< Unter Beobachtung