Tanzpresse

Verweile doch

cie. toula limnaios präsentiert „minute papillon“ in der Halle Tanzbühne Berlin

Foto: Dieter Hartwig

(  06.12.15 )

Schon beim Titel schwingen die Erwartungen in Richtung Poesie: „minute papillon“ steht im Französischen für einen Moment des Innehaltens. An schmetterlingshafte Leichtigkeit lässt der Ausdruck denken, doch die Choreografin Toula Limnaios bringt für ihre Reflexion über die Zeit ein wuchtiges Gegengewicht ins Spiel. Zwei Tonnen sattbrauner Torf bedecken die Bühne, in der Mitte thront ein sperriges Baugerüst. Tempowahn, Zeitnot, Sehnsucht nach Entschleunigung. Was unser Leben durchdringt, zeichnet das Tänzerkollektiv mit beachtlichem Körpereinsatz nach. Mal furchen sie wie Getriebene durch den erdigen Untergrund, dann wieder verschränken sich die Körper in innigen Duetten, auf der Suche nach Momenten des Glücks. Die Komposition von Ralf R. Ollertz zieht dabei einen kongenialen Resonanzraum auf, denn die Collage aus Elektrosounds und Klassikzitaten von Bach bis Schubert spielt selbst mit der Zeit, scheint sie zu dehnen und zu stauchen. „Sich in den Staub werfen“ erhält unter den Füßen der Tänzer eine völlig neue Dimension. Bis zur Verausgabung arbeiten sich die Körper an der symbolträchtigen Materie ab. Einer beteiligt sich nicht am fiebrigen Treiben: Hironori Sugata gibt den stoischen Gärtner in dieser Seelenlandschaft. Er schleppt und schichtet den Torf, um ihn schließlich von oben herab in großen Schippen auf seine Mitstreiter zu werfen. Ein Chronos auf seinem Turm, der an die Vergänglichkeit gemahnt. Einmal mehr hat Toula Limnaios da geschürft, wo sie künstlerisch zu Hause ist: in existenzialistisch grundierten Stoffen, aus denen sie einprägsame Bilder formt. /// Annett Jaensch

Weitere Vorstellungen: 6./ 10.-13. Dezember 2015, jeweils 20 Uhr in der Halle Tanzbühne Berlin, http://www.halle-tanz-berlin.de/

< Hang zum Perfekten