Tanzpresse

Vom Sehen und Hören

Wiederaufnahme: matanicola/ the progressive wave mit „bodieSLANGuage“ im Ballhaus Ost

Foto: Benedikt Feldmann

(  01.09.15 )

Wundersam pulsierende Organismen, florale Muster, jäh zuschnappende Tierchen: Was die 16 Hände formen, füttert gleich zu Beginn von „bodieSLANGuage“ die Phantasie auf höchst assoziative Weise. Dass das Publikum in einen wahren Gestenwald hineingelockt wird, kommt nicht von ungefähr. Das Choreografenduo Nicola Mascia und Matan Zamir haben zusammen mit dem Performancekünstler und Gebärdendolmetscher Gal Naor ein Ensemble zusammengestellt, das aus hörenden und nichthörenden Darstellern besteht. Das integrative Ansinnen, einen gemeinsamen Erlebnisraum zu schaffen, führt die Szenen stets bis an die Grenze der visuellen und akustischen Sättigung. Da reiben sich poetische Bilder an eruptiven, etwa wenn Maureen Lopez Lembo ein fiebrig flirrendes Solo tanzt oder sich wenig später Simo Vassinen unter imaginären Peitschenhieben krümmt, dazu hallt ein Soundtrack, der tief in die Magengrube fährt. Was dem Projekt en passant gelingt, ist ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit, für eine Einfühlung in die Welt der Nichthörenden. Ohne Frage ein Höhepunkt des Stückes: Die gehörlose Laura Levita Valyte liefert eine Gesangseinlage von herber Schönheit. Danach taucht das Stück noch einmal in eine gänzlich andere Stimmung ein. Wie mit einem Suchscheinwerfer werden Themen angerissen, von sexueller Identität über popkulturelle Chiffren bis hin zu Antikriegsbotschaften. Über die dünne Gazewand, die Bühne und Zuschauerraum trennt, flimmern unablässig Videoprojektionen, während Gal Naor, Laura Levita Valyte und Jan Michael Kress die Ansprache aus Charlie Chaplins „Der Große Didaktor“ performen. Dieser Schlussakkord voll überschießender Sinnesreize bestätigt den Gesamteindruck: „bodieSLANGuage“ ist ein intensives Erlebnis, das gleichermaßen anstrengt wie betört. /// Annett Jaensch 

weitere Infos:

www.ballhausost.de/produktionen/bodieslanguage/

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