Tanzpresse

Zwischen den Zeilen

Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas mit „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ im HAU 1

Foto: Herman Sorgeloos

(  15.03.17 )

Wo Anne Teresa De Keersmaeker, die Grande Dame des belgischen Tanzes, ein Stück auf die Bühne stellt, ist präzis ausgetüftelter Minimalismus nicht weit. Durch und durch puristisch kommt auch ihre Auseinandersetzung mit Rainer Maria Rilke und einem seiner Frühwerke daher. „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ hatte der Dichter in einer einzigen Herbstnacht des Jahres 1899 heruntergeschrieben. Die Geschichte des blutjungen Fahnenträgers, der in den österreichisch-türkischen Krieg reitet, auf dem Weg zum Schlachtfeld noch von der Liebe kostet und schließlich den Heldentod stirbt, avancierte vor allem im Ersten Weltkrieg zum Kultbuch, das bei vielen Soldaten im Tornister steckte. Rilke selbst distanzierte sich später von der Vereinnahmung im Zeichen kriegsnaher Heroisierung.

Worin lag nun ausgerechnet der Reiz dieses Stoffes für Anne Teresa De Keersmaeker? Das befremdliche Sujet des wackeren Heldentods einmal beiseite gelassen, steckt in Rilkes Cornet mit seinen lyrisch-rhythmisierenden Zeilen vor allem eines: eine Sprache, die schwingt und Musikalität verströmt. „Mir geht es darum, den Zwischenraum zu erkunden, den Rilkes Text eröffnet, die subtilen Nuancen zwischen Atmen, Sprechen und Singen, dem Männlichen und dem Weiblichen, Lyrik und Prosa“, so ein Zitat der Choreografin. In diese Mission taucht sie gemeinsam mit dem Tänzer Michaël Pomero und der Flötistin Chryssi Dimitriu ein. Pomero, der zu Beginn rau und geschmeidig zugleich ein Solo in den Raum schreibt, wird später immer wieder gemeinsam mit De Keersmaeker den Text mit einem Bewegungsecho begleiten, ohne ins Illustrative zu rutschen. Die musikalische Begleitung ist sparsam dosiert, aber umso furioser ausgeführt. Dimitriu entlockt ihrer Querflöte Klangdimensionen, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte: Fauchen, Knacken, Zischen.

Keine Frage: Töne, Bewegungen, Worte wirbeln im kargen, staubigen Bühnenbild gekonnt Stimmungen auf. Bei allem bleibt der Text der Hauptdarsteller, als Projektion zum Mitlesen oder von der Choreografin selbst rezitiert. Eine alte Liebe sei Rilkes Cornet für De Keersmaeker gewesen, so lässt es sich im Programmheft nachlesen. Doch die dargebotene Erzählung bleibt ihrer Entstehungszeit verhaftet, die Annäherung von Text und Tanz, so organisch sie auch sein mag, sendet keine Signale ins Heute. De Keersmaeker performt oft direkt an der Bühnenrampe und man wird den Eindruck nicht los, sie stehe an einem weit entfernten Ufer, von dem an diesem Tanzabend ein satter Hauch L´art-pour-l´art herüberweht. /// Annett Jaensch

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