Tanzpresse

Ein langes Einatmen

Batsheva Dance Company mit „Last work“ in europäischer Erstaufführung im Festspielhaus Hellerau

Foto: Klaus Gigga

(  27.06.15 )

Eine Frau läuft einem imaginären Ziel entgegen, ihr leuchtend blaues Kleid bauscht sich in verschwenderischen Falten, als wäre es das Motiv eines Barockmalers. Sie läuft und läuft und wird am Ende doch keinen Zentimeter vorwärtsgekommen sein. Ohad Naharin, Chefchoreograf und Mastermind der Batsheva Dance Company, platziert die Nimmermüde auf einem Laufband am hinteren Bühnenrand, ihr physisches Tun schwebt als symbolischer Kontrapunkt über den 70 Minuten von „Last work“. So puristisch wie der Titel daherkommt, so entfaltet sich auch das tänzerische Geschehen zu Beginn. Einzelne ergreifen nacheinander Besitz vom Raum, alle scheinen ihre eigenen Bahnen zu ziehen, ihrem eigenen Bewegungsidiom zu folgen. Das Gewebe der Interaktionen wird allmählich dichter, die chorische Energie, unverkennbares Batsheva-Markenzeichen, baut sich auf, doch explosionsartige Entladungen, wie man sie aus früheren Produktionen kennt, bleiben aus. Diese Gedämpftheit hat vor allem auch mit der Musik zu tun, die Grischa Lichtenberger beisteuert. Die elektronischen Klänge, dunkel treibend, fast eintönig, schaffen einen Ereignisraum, in dem sich die Zeit aufzudehnen scheint.

Frei von linearer Narration fädelt Naharin die Szenen aneinander. Die choreografische Recherche entwickelte er entlang der Begriffe Kind, Ballerina und Henker. Immer wieder blitzen Motive auf, die mit dieser bizarren Trias spielen. Etwa wenn das Tänzerkollektiv rücklings auf dem Boden liegt, Arme und Beine in der Luft rudern. An hilflose Babys erinnert das. Die dramaturgische Durchlässigkeit verwischt jedoch allzu eindeutige Zuschreibungen. Was die 18 Performer eindrucksvoll vorführen, ist die Gaga-Technik, die gewissermaßen die DNA der Company ausmacht. Als Trainingsmethode und Philosophie setzt sie vor allem darauf, dass die Tänzer ein dynamisches Bewusstsein für jeden Körperteil und Muskel entwickeln, was sie zu mehrdimensionalen Bewegungen, blitzschnellen Aktionen und sensiblen Gesten befähigt.

Explizite politische Botschaften mag Ohad Naharin in seinen Arbeiten nicht liefern, wie er selbst in Interviews immer wieder angibt. Das Finale wartet gleichwohl mit Motiven auf, die sich mühelos konkreter lesen lassen. Wirkte das Stück bisher wie ein langes Einatmen, werden nun umso rasanter Bilder herausgepresst. Da macht sich ein Mann masturbatorisch an etwas zu schaffen, nur um den Blick auf das fanatische Putzen eines Gewehrlaufes freizugeben, ein anderer schwenkt eine weiße Fahne, während eine Gruppe sich zu einer ungestümen Hora – dem traditionellen israelischen Kreistanz – zusammenfindet. Schließlich wird der ultimative Stillstand herbeigeführt. Ein Tänzer klebt den Rest der Truppe mit einem Tape zusammen: Da stehen sie nun als Schicksalsgemeinschaft, unfähig sich zu bewegen. Was den Reiz von Batsheva-Produktionen ausmacht - Szenen von ikonografischer Strahlkraft gepaart mit tänzerischer Finesse – löst auch „Last work“ ein, die Zurückgenommenheit der Mittel und die eingewobene Symbolik stoßen ein Nachdenken an, das dann doch zum politischen Zeitgeschehen wandern will. /// Annett Jaensch

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